Verstummt

Ganz vorsichtig hält Marie die verletzte Taube in ihren Händen. Schlaff hängt der Flügel des Vogels herab, sein Schnabel steht offen. Die Tür zu Fietes kleiner Kate muss das Mädchen mit dem Knie aufstoßen, da ihre Hände schützend die Kreatur halten.

Wie immer ist es düster in dem Häuschen und Maries Augen müssen sich erst gewöhnen nach dem strahlenden Licht des Sommers draußen. Langsam nehmen die Gegenstände Kontur an und dem Blick eröffnet sich  ein Sammelsurium an merkwürdigen Gegenständen. Der kleine Raum ist vollgestopft mit Fundsachen, die der alte Fiete als Strandgut gesammelt hat.

Normalerweise nimmt sich Marie Zeit, wenn sie Fiete besucht, betrachtet und berührt Federn, Steine, Holzstückchen, Muscheln, die zwischen alten Schuhen, Flaschen oder auch zerfledderten Büchern herumliegen.

Heute hat sie es eilig. Wenn einer dem Vogel helfen kann, dann ist es Fiete. Alle im Dorf halten ihn für etwas verrückt. „Er hat Spinnweben im Kopf“, sagen sie und machen dabei seltsame Handbewegungen vor der Stirn, als würden sie eben diese Spinnweben entfernen. Aber die Dorfbewohner begegnen ihm nicht unfreundlich, sie versorgen ihn mit Essen, auch mal mit einem Kleidungsstück, ansonsten lassen sie ihn in Ruhe. Marie weiß, dass Fiete keinesfalls verrückt ist, er liebt das Alleinsein, genauso wie sie. Er spricht wenig, aber er handelt, wenn es nötig ist.

Fiete sitzt im Sessel, ein Buch auf den Knien. Marie wundert sich, wie er bei diesem trüben Licht überhaupt lesen kann. Schnell eilt sie zu dem alten Mann, hockt sich vor ihn und legt ihm vorsichtig die verletzte Taube auf die Beine. Fiete streicht sanft mit seinen rauen, schwieligen Händen über den herabhängenden Flügel des Tieres. „Der ist gebrochen“, sagt er.

„Wir müssen ihn schienen“, meint Marie, dann fragend: „Sie wird doch wieder gesund?“

Das sind zwei Sätze, die das Mädchen gesprochen hat. Niemand im Dorf weiß, dass sie überhaupt sprechen kann. Alle, außer Fiete, denken, sie sei stumm und Fiete sagt nichts zu den anderen. Marie hat Vertrauen zu ihm, er erwartet nichts von ihr, hält ihr Dasein für genauso selbstverständlich wie den Sonnenaufgang und die Herbststürme. Sie kommt, bleibt ein wenig und geht dann wieder. Sie begleitet ihn bei seinen Ausflügen ans Meer, manchmal sitzen sie nur eine Weile in der düsteren Kate ohne viel zu reden. Das sind Momente, in denen sich beide nicht allein fühlen. Dafür braucht es keine großen Worte.

„Hol mal das Kästchen mit dem Verbandszeug!“, sagt Fiete nun und Marie springt eilig auf. Sie weiß, wo sie das Kästchen findet, die Taube ist nicht das erste Tier, das die beiden verarzten. Geschickt und fachmännisch schient Fiete den Flügel, fixiert ihn mit einem Hölzchen und wickelt ein schmales Band darum. Marie hilft so gut sie kann. Die Taube kommt in einen alten Käfig, der zwischen all den Dingen steht, die Fiete im Laufe vieler Jahre gesammelt hat. „Das muss sein“, meint der Alte, als er Maries fragenden, betrübten Blick bemerkt. „Wenigstens ein paar Tage, dann können wir sie auswildern, wenn alles gut geht. Und nun lauf, min Deern, Anna wartet sicher mit dem Essen.“  Marie nickt und lächelt.

Kaum jemand außer Fiete hat sie je lächeln sehen. Sinnend schaut er ihr nach.

Sie ist gewachsen in den letzten Monaten. Wie alt mag sie sein? Sechzehn, schätzt er, nicht mehr weit entfernt davon eine Frau zu werden. Fietes Gedanken wandern zurück zu jenem letzten Kriegswinter vor nun mehr  beinahe fünf Jahren, in dem das Dorf von Menschen überflutet wurde, die ihnen auch Marie gebracht hatten.

 

 

Sie kam mit einem der letzten Flüchtlingsströme aus Ostpreußen. Die Menschen im Dorf nahmen die Flüchtlinge auf, es waren nicht die ersten in diesem Jahr und es waren auch nicht viele. Einige von ihnen hatten ursprünglich über den Seeweg nach Kiel oder Flensburg flüchten wollen, aber sie hatten auf den überfüllten Schiffen keinen Platz mehr bekommen und so den beschwerlichen Weg zu Fuß angetreten. Was sie nicht wussten: Ende Januar war das ehemalige Kreuzfahrtschiff Wilhelm Gustloff von sowjetischen U-Booten torpediert worden und gesunken. Schätzungsweise 9000 Menschen hatten dadurch den Tod gefunden. Aber auch der nun im Dorf ankommende Treck hatte auf der Flucht große Verluste zu verzeichnen gehabt. Immer wieder waren sie von russischen Soldaten angegriffen und allzu viele waren getötet worden. Andere hatten sich in die Wälder retten können und später wieder zusammen gefunden. So war es ein recht kleiner Flüchtlingstreck, der in dem Dorf  in Schleswig-Holstein ankam, die Menschen völlig erschöpft, dem Hungertod nah, halb erfroren,  mutlos und verzweifelt. Sie  brachten Marie mit, ein kleines, schmächtiges Mädchen mit schwarzen Haaren und riesigen dunklen Augen, die seltsam leer schienen. Niemand wusste etwas Genaues über sie, nur eben den Namen. Mit ihren Eltern war sie zu den Flüchtlingen gestoßen, sie hatten ein Pferd mitgebracht, den Karren hatten sie mit einer gebrochenen Achse im Schnee liegen lassen müssen. So waren Marie und ihre Eltern mit im Strom der Flüchtlinge gezogen, der sich Richtung Küste im Westen bewegte. Es war bitterkalt und sie froren alle. Auf einen Wagen hatte man große Strohballen und Heu geladen und abwechselnd verkrochen sich die Menschen darin um ein wenig Wärme zu erhaschen. Marie thronte zuweilen hoch oben auf den gelben Ballen aus Stroh. Anscheinend machte ihr die Kälte wenig aus. „Ich geh auf den gelben Wagen!“, rief sie ihren Eltern zu. „Man kann so schön weit schauen.“ Manchmal setzte sich ihr Vater dazu und sang das Lied "Hoch auf dem gelben Wagen". Es waren seltene Momente, denn meist hielt sie der Überlebenskampf  gefangen. Langsam kam man vorwärts, Schneestürme behinderten immer wieder das Fortkommen. Aber sie zogen unermüdlich weiter, bis zu jenem unglückseligen Tag des Überfalls. Im Dorf wollten die Flüchtlinge nicht gern über dieses schreckliche Erlebnis sprechen. Viele von ihnen hatten den Tod gefunden, auch Maries Eltern. Frauen waren von den russischen Soldaten brutal vergewaltigt worden. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man sich Vermutungen und Wahrheiten weiter. Maries Eltern seien erschossen worden oder auch erstochen und Marie sei Augenzeugin gewesen. Von diesem Tag an hatte das Mädchen kein Wort mehr gesprochen. Niemand wusste, was genau sie gesehen hatte.

Anna hatte sie bei sich aufgenommen. Sie lebte allein. Ihr Mann Thomas war gefallen in Russland, wie so viele Männer aus dem Dorf. Anna hatte keine Kinder und sie sehnte sich nach einem Wesen, dem sie ihre mütterlichen Gefühle überstülpen konnte. Da kam Marie gerade recht. Es machte nichts, dass das Kind nicht sprach. Marie ließ alles mit sich geschehen, die Haare schneiden  genauso wie das Entlausen und das Baden. Beinahe starr und apathisch blickte sie Anna aus ihren schwarzen Augen an. Meist saß sie in der Küche neben dem Herd, ein kleines verlorenes Häuflein Mensch.

Nur etwas konnte sie aus ihrer Ecke hervorlocken und das war das Essen. Marie verschlang alles, was Anna  ihr vorsetzte, dicker wurde sie dadurch aber nicht. Mit der Zeit jedoch waren ihre Wangen nicht mehr so hohl und bekamen auch etwas Farbe.

Die Flüchtlinge zogen weiter, auf Dauer war im Dorf kein Platz mehr für sie. Marie ließen sie zurück. Zunächst dachte niemand daran, Verwandte von Marie zu suchen. Sie war einfach da, gehörte dazu und war doch fremd. Später versuchte man über das Rote Kreuz Angehörige des Mädchens zu finden. Es gab keine und so blieb Marie.

Außer Lars, dem Arzt und Angus, dem Lehrer machte sich keiner Gedanken darüber, dass das Kind nicht sprach, auch nach Wochen nicht. Lars vermutete eine Art Trauma. Das Mädchen musste Schreckliches erlebt haben, das sie hatte verstummen lassen. Die Menschen im Dorf hatten andere Sorgen, die aus ihrer Sicht ungleich schwerer wogen. Viele Väter, Ehemänner und Söhne galten als vermisst, es war besonders im Winter schwer, genügend Nahrungsmittel zu bekommen, im Sommer fiel die Selbstversorgung leichter. Zudem machte ihnen allen die Kälte in diesem Winter zu schaffen.

Inzwischen hatte Marie ihr Schneckenhaus verlassen, nahm teil am Dorfleben. Sie konnte sehr gut mit Pferden umgehen. So klein sie auch war, sie näherte sich den Tieren ohne Scheu, führte sie hinaus, als der Schnee endlich getaut war und so etwas wie Freude erhellte ihr ernstes Gesicht, als sie reiten durfte. Auch ohne Sattel schien sie mit dem Tier wie verwachsen. Angus meinte einmal: „Sie muss mit Pferden aufgewachsen sein.“

Anna ging noch einen Schritt weiter. „Bestimmt kommt sie von einem Gestüt in Ostpreußen.“

Marie nickte auch oder schüttelte den Kopf um mit den Menschen zu kommunizieren. Aber auf Fragen, die ihre Vergangenheit betrafen, antwortete sie nicht mit einer derartigen Kopfbewegung. So konnte man nur vermuten.

Marie besuchte die Dorfschule und erstaunt stellte man fest, dass sie schreiben und daher wohl auch lesen konnte, zumindest holte sie sich manchmal Bücher von Angus, der erfreut war über ihre Lernfortschritte. Es kam immer wieder vor, dass sich die anderen Kinder über sie lustig machten, sie neckten und ein wenig ärgerten. Johann nannte sie sogar „eine kleine Hexe“, denn man wunderte sich, dass Marie es schaffte, kranke Tiere gesund zu pflegen und schrieb dies gern magischen Kräften zu, die das Mädchen scheinbar hatte.

Keines der Kinder meinte es wirklich böse und sie merkten nicht, dass Marie unter ihren Bemerkungen und Hänseleien litt, da sie nicht reagierte. Man verlor das Interesse an ihr, nur Johann forderte sie manchmal heraus. Eigentlich wünschte er, sie würde sich einmal wehren, ihre Sprache wiederfinden, aber seine etwas raue burschikose Art war dazu bestimmt nicht geeignet. Manchmal griff der Lehrer ein und unterband die kleinen Sticheleien. Anna nahm sie tröstend in die Arme, wenn Marie mal wieder weinend aus der Schule kam.

So blieb das Mädchen für sich, hatte nur mit dem alten Fiete Kontakt. Die Dorfbewohner hatten sich daran gewöhnt, dass die beiden Außenseiter sich gefunden hatten und niemand nahm es mehr zur Kenntnis, wenn sie gemeinsam am Strand entlang gingen und alle möglichen Sachen sammelten. Dass die beiden ab und an miteinander sprachen – auf die Idee kam niemand.

Trost brauchte Marie öfter und sie nahm ihn von Anna auch an.

In mehr oder weniger kurzen Abständen kam es vor, dass das Mädchen von wohl schrecklichen Alpträumen heimgesucht wurde, aus denen sie schreiend erwachte. Anna saß dann immer lange an ihrem Bett und streichelte ihren zitternden Körper, sprach beruhigend auf sie ein, bis sie endlich wieder einschlief.

 

 

Finstere Gestalten sind es, die von allen Seiten heranstürmen. Schüsse hallen durch das Lager.

Laute befehlende Rufe der Soldaten in fremder Sprache mischen sich mit angsterfüllten Schreien der Menschen.

Marie hält sich die Ohren zu und die Welt scheint plötzlich eine stumme geworden. Sie sitzt oben auf dem gelben Wagen, will die untergehende blasse Wintersonne mit ihren Augen festhalten, doch Drohendes überschattet den weißgelben Ball am Horizont. Überall rennen Leute herum, viele liegen am Boden, brechen zusammen. Marie vernimmt keinen Ton, scheint von der Welt und dem schrecklichen Geschehen abgeschieden. Ein heftiger Stoß befördert sie vom Wagen. Entsetzt schaut sie hoch in die Augen ihres Vaters, der den Mund bewegt und wilde Handbewegungen macht. Größer und größer wird das offene Loch seines Mundes, Marie will verstehen, aber sie sieht nur einen roten Strom dieser stummen Öffnung entweichen. Dann Mamas Gestalt, die ins Stroh kriecht. Der Vater entschwindet ihrem Blickfeld. Marie duckt sich in den Graben neben dem Wagen. Im letzten Sonnenlicht schimmert das Stroh beinahe orangefarben, leuchtet wie ein loderndes Feuer. Marie weiß plötzlich, dass das Stroh wirklich brennt. "Mama!", schreit sie, doch kein Ton ist zu hören, es herrscht gespenstische Stille. Eine kalte Hand scheint sich wie ein Schraubstock um Maries schmale Brust zu legen. Dann schwarze Vögel über ihr, die Flügel leuchten im Feuerschein, so groß sind sie die Vögel und so schwarz, dunkler als eine Nacht ohne Sterne. Und als die Dunkelheit sie zu verschlingen droht, hört sie ihren eigenen Schrei...

 

 

 

Es ist wieder Erntezeit. Heute wollen die Dorfbewohner das letzte Getreide einfahren. Schwer liegt die Schwüle bereits am Morgen über dem Dorf. Man muss sich beeilen heute, es wird ein Gewitter geben. Früh schon fahren sie mit ihren Pferdegespannen hinaus auf die Felder, einige Männer, viele Frauen, die jungen Burschen und auch Kinder, für die allein schon die Fahrt im Pferdegespann ein Erlebnis ist.

Wie all die Jahre zuvor bei der Ernte hat Marie sich im Haus verkrochen. Im ersten Sommer war sie in Panik geraten, als die Wagen, hoch beladen, ins Dorf zurückgekehrt waren. Sie hatte geschrien, wie sonst nur in ihren Träumen. Dann war sie ins Haus gelaufen und hatte sich geweigert, die Küche zu verlassen. Anna hatte sie allein lassen müssen, denn jeder, der arbeiten konnte, wurde gebraucht. Jeden Sommer war es das gleiche gewesen, Marie ertrug den Anblick der mit Stroh oder Heu beladenen Karren nicht.

Heute sitzt sie in ihrer kleinen Kammer und wartet, dass  es ruhig wird im Dorf. Sie wartet, bis sie sicher sein kann, dass sie keinem Karren mehr begegnen wird. Sie wartet auch dann noch, als nichts mehr zu hören ist, Stunden vielleicht. Irgendwann am Nachmittag traut sie sich heraus und läuft zu Fietes Kate. Sie will schauen, wie es der verletzten Taube geht.

Wie immer ist die Tür nicht verschlossen. Als Marie sie aufdrückt, knarrt diese in gewohnter Weise. Im Lichtstreifen, der durch die geöffnete Tür fällt, tanzen Staubkörnchen.

Marie spürt sofort, dass etwas nicht stimmt, es ist mehr ein Ahnen denn ein Wissen. So zögert sie nach ihrem ersten Schritt, bleibt kurz hinter der Türschwelle stehen. Der Sessel, in dem Fiete sonst meist sitzt, ist leer. Kurz denkt Marie, dass Fiete unten am Strand sei, aber irgendetwas lässt sie diesen Gedanken gleich wieder verwerfen. Sie geht weiter und dann sieht sie ihn, als sie einen Blick nach links in die kleine Küche werfen kann. Er liegt auf dem Boden, regungslos. Das Mädchen erschrickt, ihr Herz beginnt im selben Moment rasend zu klopfen, die Hände werden feucht. Marie kniet neben Fiete nieder, tastet nach dem Puls. Er atmet ganz flach, es scheint nur ein Hauch, der aus seinem leicht geöffneten Mund kommt, kaum hebt und senkt sich seine Brust. Auf seiner Stirn steht kalter Schweiß und er ist bleich, so bleich.

„Fiete!“, ruft Marie, aber sie weiß, dass er sie nicht hört, sie weiß, dass schnelle Hilfe nötig ist. Was soll sie tun? Ihre Gedanken rasen. Beinahe alle im Dorf sind draußen auf den Feldern. Bei ihr zu Hause gibt es kein Telefon. Nur der Lehrer, der Doktor und zwei der größeren Höfe verfügen über einen Apparat. Lars und Angus sind mit draußen, das weiß Marie.

Sie rennt los, rennt aus dem Dorf zur Landstraße, auch hier hält sie nicht an, obwohl ihr das Atmen schon schwer fällt. Sie läuft so schnell sie kann die Straße entlang, im Kopf nur den einen Gedanken: Fiete darf nicht sterben.

Plötzlich stoppt sie, in der Ferne sieht sie einen hoch beladenen Wagen, goldgelb leuchtet das Stroh von weitem. Marie hält den Atem an, Bilder ziehen durch ihren Kopf, während der Wagen schnell näher kommt. Vor ihren Augen scheint sich um das Gefährt ein Feuerkranz zu bilden und Schreie dringen an ihr Ohr. Sie ballt die Hände zu Fäusten, beißt sich die Lippen blutig, stemmt sie Füße in den Boden, um das Zittern aufzuhalten.

Der Feuerkranz verschwindet vor ihren Augen, das Bild des alten bewusstlosen Mannes, der hilflos in seiner Kate liegt, schiebt sich vor das Schreckensszenario, die Schreie werden zu lautem lustigen Gegröle der drei Jungs, die auf dem Karren sitzen und „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen. Marie erkennt Simon und Johann oben auf den Ballen. Peter hält die Zügel.

„Hoo, brrr!“, ruft er, als der Wagen Marie erreicht. „Na schau mal einer an, wen haben wir denn da?“, lacht Simon. „Das ist ein Erntewagen, Marie“, meint er spöttisch. „Du hast Angst davor, vergessen?“ Peter greift herunter nach ihrem Arm, will sie hochziehen. Marie wehrt sich, dabei zerreißt ihre Bluse und gibt ein Stück ihrer mädchenhaften Brust frei.

Die Augen der Jungs werden groß, sie starren Marie an. Das Mädchen schaut hoch zu Johann, lässt seinen Blick nicht los, macht eine Geste in Richtung Dorf. Johann spürt, etwas ist nicht in Ordnung, ganz und gar nicht. Und da geschieht etwas, das die drei Burschen erschreckt.

„Fiete....er stirbt.. schnell!“ Marie hat es gesagt, beinahe gerufen. Ganz schnell kommen ihre Atemstöße hintereinander, sie keucht.

Johann verliert seine Starre zuerst. „Kannst du hochklettern, Marie?“, fragt er.

Peter hilft dem Mädchen, das sich ganz steif neben ihn hockt.

So schnell wie es möglich ist, ohne dass der Wagen umkippt, rasen sie zurück zum Dorf. Es dauert keine fünf Minuten, dann haben sie Fietes Kate erreicht. Noch während dem Fahren springt Johann vom Wagen herunter und stürzt hinein. Nach kurzer Zeit kommt er wieder herausgerannt aus der Kate, bleich im Gesicht.

„Lauf!“, schreit er Peter zu. „Schau, ob du in das Haus von Angus kommst. Du musst telefonieren. Es eilt...Schlag notfalls das Fenster ein!“

„Was ist...“, unterbricht Simon den atemlosen Redeschwall von Johann, doch dieser schaut ihn gar nicht an, spricht gehetzt weiter. „Fiete ist bewusstlos, ruf das Kreiskrankenhaus in H. an, sie sollen einen Wagen schicken. Mach es, verdammt noch mal, dringend!“

Peter fragt nicht, rennt los. Johann eilt zurück ins Haus. Marie will ihm folgen, doch der Junge hält sie zurück. „Warte draußen Marie, bitte...“ Eindringlich schaut er das Mädchen an. Da nickt Marie, hockt sich neben der Tür auf den Boden und verbirgt ihren Kopf zwischen den Armen. Simon folgt Johann. Peter kommt zurück, atemlos vom schnellen Laufen, lässt sich neben Marie auf den Boden fallen.

Als endlich der Krankenwagen eintrifft, springt Marie auf, läuft den Männern vom Roten Kreuz entgegen, deutet ihnen den Weg zur Tür. Nun geht alles sehr schnell. Fiete wird auf einer Trage herausgebracht, Marie läuft neben den Männern und Johann bis zum Wagen.

Während die Trage in den Wagen geschoben wird, bleibt Johann vor Marie stehen. „Ich fahre mit ihm. Mach dir keine Sorgen, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Ihr müsst den anderen berichten, wenn sie zurückkommen, es kann nicht mehr lange dauern.“ Während er spricht, schiebt er ganz vorsichtig Maries zerfetzte Bluse über die Schulter hoch. „Zieh dir was anderes an“, meint er noch und dann steigt er ein.

Marie, Peter und Simon schauen dem davonfahrenden Wagen nach.

 

Keiner der Dorfbewohner will glauben, was Peter und Simon erzählen. Dass Fiete ins Krankenhaus gebracht worden ist, ja, das schon, aber dass Marie geredet haben soll, das zweifeln sie an. Das Mädchen weigert sich ins Haus zu kommen. Sie bleibt draußen, wartet auf Johann.

Es ist spät am Abend, als dieser zurückkehrt. Der Bus fährt nicht mehr um diese Zeit, kommt sowieso nicht in dieses Dorf und so hat Johann einen langen Fußmarsch hinter sich.

Aber dann steht er doch vor Marie, die ihn nun angsterfüllt anblickt. Erstaunt registriert er, dass sie beinahe so groß ist wie er mit seinen achtzehn Jahren und hübsch dazu. Er reißt sich los von dem Bild und meint:

„Er wird es schaffen, denke ich“. Endlich die erlösenden Worte. Mit ihnen kommen auch Maries Tränen. Johann kramt in seiner Hosentasche, holt ein schon leicht angeschmutztes Taschentuch heraus und reicht es dem Mädchen. „Du warst sehr tapfer“, sagt er. „Vermutlich hast du ihm das Leben gerettet. Aber ab jetzt ist es Zeit zu reden, Marie!“

„Danke!“, haucht sie und nickt.

Es wird noch viel Zeit brauchen, aber ein Anfang ist gemacht.

Johann lächelt und es ist ein freundliches Lächeln, kein spöttisches. Marie lächelt zurück.

Dann läuft sie davon. Sie will den Käfig mit der Taube holen. Jemand muss sich ja um sie kümmern, solange Fiete im Krankenhaus ist. Als Marie an dem Haus des Lehrers vorbeiläuft, sieht sie den noch beladenen Erntewagen, drohend, wie ein schwarzes Ungetüm in der Dunkelheit. Marie bleibt stehen und fixiert das Gefährt, lässt es nicht zu, dass die aufkommenden Bilder in ihrem Kopf Gestalt annehmen, wieder Macht über sie bekommen.

„Ich werde es mit dir aufnehmen“, sagt sie und die Worte verlieren sich in der Nacht.