Vereinnahmt

(Ein Märchen - oder doch nicht?)


Es war einmal eine wunderschöne Blume, sie blühte auf einer Wiese inmitten anderer Blumen. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge wollten sie gern besuchen, um sich an ihrem Nektar zu laben. Die Blume mochte es schon, wenn die Insekten kamen, aber sie fand es sehr schade, dass diese sich meist nur bedienten und nicht mit ihr sprachen. Darüber wurde sie oft sehr traurig.

Nun geschah es eines Tages, dass Unkräuter auf der Wiese wucherten. War es Zufall oder Schicksal, dass sie sich um die Blume besonders stark ausbreiteten? Sie fingen an, vor Neid zerfressen die einen, danach trachtend, Macht zu erlangen, die anderen, ja, sie fingen an, die Blume zu verhöhnen, ihr den Platz zum Atmen streitig zu machen. Sie besprühten sie mit ihren giftigen Säften und freuten sich, als die Blume krank wurde. Nach und nach verlor sie ihre wunderschönen Farben, ließ den Kopf hängen, schloss die welkenden Blütenblätter und verkümmerte zusehends.

Nicht nur ihre äußere Schönheit verblasste, sondern ihre Seele war derart verwundet, dass sie sich in tiefe Dunkelheit zurückziehen musste. Die Blume glaubte, dass sie sterben werde, wenn sie den Insekten erlaubte ihr nah zu sein und im Schrumpfen all ihrer Pracht rückte sie immer näher dem Erdreich zu. Dennoch hielt eine verborgene Kraft sie am Leben und alles Wissen, alle Gefühle und jeglicher Keim für ihre Existenz blieben in ihren Wurzeln, sorgsam behütet. Doch niemandem gelang es, Wissen, Gefühle und Lebenskeim hervorzuholen und neu zu erwecken. Jahre vergingen. Zuweilen ließ die Blume es zu, dass die Insekten aus der Ferne mit ihr sprachen, denn diese wunderten sich nun, dass die Blume ihnen nicht mehr als Labsal zur Verfügung stand und das ließ sie reden und Fragen stellen. Die Insekten wendeten sich aber alsbald wieder ab, als sie merkten, dass die Blume Nähe überhaupt nicht duldete. Nur so konnte es geschehen, dass die Blume inmitten des blühenden Lebens um sie herum, inmitten des Werdens und Sterbens auf der Wiese in tiefer Einsamkeit blieb, verkümmerte und doch nicht verging.

Nicht weit entfernt von der Wiese lebte eine junge Frau, zusammen mit einem Magier, in einem schönen Haus. Der Magier sorgte dafür, dass ihr Leben ein geregeltes war. Die Frau war dankbar, sie mochte den Magier auch, jedoch fühlte sie sich oft eingeengt, meinte sogar, dass er ihre Gedanken kontrolliere und bei Missfallen den Zauberstab einsetze. In ihrer Fantasie ließ sie ihre Seele oft davon fliegen und sie träumte von einem Leben in wahrer Freiheit.

Ihre schönsten Stunden verbrachte sie mit ihrem besten Freund, der leider in einem weit entfernten Land lebte und so sahen sie sich nur selten. Ab und zu lief die Frau davon, um mit ihm auf grünen Wiesen zu wandern und einfach nur zu atmen. Immer aber musste sie zu ihrem Magier zurückkehren.
Eines Tages starb ihr Freund und sie ergoss ihre bitteren Tränen in einen Brunnen, der vor dem Haus stand. Im Haus konnte sie keine Tränen vergießen, denn dies war dem Magier zutiefst verhasst. Jede Träne gefror zu einer Eiskugel und bald glitzerte es in der Tiefe des Brunnens von all den funkelnden Eistropfen. Zum Glück schaute der Magier nicht hinein, er wäre ärgerlich gewesen über die so versteckten Tränen. Sein Mädchen sollte glücklich sein, so wie er es sich vorstellte. Die junge Frau aber wurde immer trauriger, verfiel körperlich und ihre Seele gelangte überhaupt nicht mehr ins Freie. Wenn sie es in dem Haus des Magiers nicht mehr aushielt, weil sie sich mehr tot als lebendig fühlte, lief sie hinaus und streifte ziellos durch die Gegend. So geschah es, dass sie eines Tages auf die Wiese kam, wo die Blume in ihrer Einsamkeit dahin vegetierte.

Die junge Frau erblickte die Blume gleich aus der Ferne, obwohl diese so unscheinbar war. Sie beobachtete sie, hörte sehr knappe zurückhaltende Wortfetzen, die sie den Insekten zuwarf, welche sie ansprachen.
Die Frau kam jeden Tag wieder und immer mehr spürte sie die Einsamkeit der Blume. Indem sie sich sehr darauf konzentrierte, konnte sie ihrer eigenen Traurigkeit etwas entfliehen. Nach Tagen des Beobachtens schickte sie der Blume ihre zögernden Worte, tastete sich behutsam heran, scheinbar nicht wahrgenommen. Sie sah das Elend und von Mitleid und Barmherzigkeit überwältigt, wuchs in ihr das Wissen, was geschehen war. Vor ihrem inneren Auge sah sie die einstige Schönheit der Blume und spürte die verborgene Kraft zum Leben.

Eines Tages dann geschah es, dass ihre Gedanken und zarten Worte erwidert wurden. Zunächst noch stammelnd und zögernd begann die Blume sich zu öffnen, entfaltete die welken Blütenblätter und ließ die junge Frau schauen. Diese tauchte ein in die verborgene Kraft und weckte den Keim zum Leben. Sie zeichnete alle möglichen Facetten und drängte schließlich die Blume, es zu versuchen wegen des kleinen „Vielleichts“. Indem sie sich öffnete, rührte die Blume auch an den Schmerz der Frau und so schien es eine kurze Zeit, als könnten sich beide stützen. Sie sprachen Zauberworte, darauf bedacht, diese die anderen Pflanzen und Insekten nicht hören zu lassen. Die junge Frau verbrachte sehr viel Zeit bei der Blume, so dass ihr Magier schon unwillig wurde und sie zur Rede stellte. Er merkte sehr wohl, dass die junge Frau sich verändert hatte und wieder am Leben teilnahm. Es störte ihn allerdings, dass nicht er selber der Mittelpunkt dieses neuen Lebenswillen war. Gerechterweise muss man aber anmerken, dass er auch in Sorge war, sie könne zu viel investieren, zu viel von sich selbst geben, um die Blume zu retten. Hier lag er nicht völlig falsch.

Die junge Frau versuchte unermüdlich aufzudecken, was geschehen war, spürte eine unbändige Wut auf die Verursacher, war aber doch so hilflos. Daneben brauchte sie täglich viel Kraft die Blume aufzurichten, denn jeden Morgen war diese wieder ein Stück in ihr Elend hineingesunken. Abgründe begannen sich aufzutun, in dem, was die Blume erzählte. Nicht nur Unrecht hatte man ihr getan. Sie zeichnete ein Schreckensbild von Qual und Horror, das der Frau den Atem nahm. Sie begann zu analysieren, was tief verborgen dahinterstecken könne und drängte alle Mitleidsgefühle zurück und schaute mit ihrem normalerweise gut funktionierenden Verstand auf das Szenario. Endlich stieß sie auf sehr viel Ungereimtes, das sie in ihren verworrenen Gefühlen nicht gesehen hatte. Sie spürte eine schwere Krankheit, die der Seele der Blume innewohnte.

Als sie ansatzweise, sehr subtil und vorsichtig versuchte, das Ungeheuerliche anzudeuten, geschah es, dass die Blume sie zum ersten Mal sehr heftig beschimpfte. Völlig verschreckt zog sich die junge Frau zurück, ging nach Hause und bat den Magier um Zauberkräfte. Dieser jedoch sagte ihr jene nur dann zu, wenn sie sich völlig von der Blume lossagte.
Sie aber konnte den Konflikt kaum aushalten, wusste sie doch sehr gut, dass die Blume Hilfe benötigte. Gleichzeitig spürte sie, dass sie ihr diese Hilfe nicht geben konnte.
Als sie nach einigen Tagen wieder zu der Wiese ging, bat die Blume reumütig um Erbarmen, sie nicht zu verlassen.
Wieder erlag die Frau dem Elend und der verborgenen Kraft. Also sprach sie erneut mit der Blume und verschwieg das Augenscheinliche.

Mit der Zeit begann die Blume immer mehr zu fordern, sie ließ der Frau kaum Raum, sich zu entfernen. Als diese sich jedoch kleine Räume für sich selbst erkämpfen wollte, wuchsen der Blume auf einmal Ranken, mit denen sie die Frau fest umschloss. So ward diese gefangen und es gelang immer nur einem Teil von ihr, sich zu lösen und sich ihrem Leben zu widmen. Jeder Versuch wurde bestraft mit bösen Anschuldigungen.
Schließlich sah die Frau keine andere Möglichkeit mehr. Sie musste sich der Blume entledigen, wollte sie selbst nicht zugrunde gehen. So nahm sie eines Tages all ihren Mut zusammen und erklärte der Blume, was sie gesehen hatte, was sie wusste. Sie gab ihr keinerlei Schuld, machte aber deutlich, dass sie den Weg nicht mehr mitgehen könne, wolle sie nicht selbst zugrunde gehen. Die Blume hörte in ihren Worten anderes und meinte, die Frau habe sich mit Hexen und Teufeln verbündet, um ihr zu schaden. Sie selbst spuckte nun das Gift heraus, was sie einst geschluckt hatte. Schweren Herzens nahm die Frau ein Messer und kappte – noch ehe die Blume sich wieder ins Erdreich zurückziehen konnte – die sie umklammernden Ranken. Nach einem kurzen Schmerz schwebte sie davon, seltsam leicht.

Als sie in ihrem Haus dem Magier begegnete, konnte sie zum ersten Mal seit langem ihm hoch erhobenen Hauptes den Zauberstab aus der Hand nehmen und ihn für kurze Zeit seiner magischen Fähigkeiten berauben. Sie begann sich wieder zu spüren und sich all ihrer möglichen Facetten bewusst zu werden. Zu der Wiese ging sie nie wieder zurück. Ganz selten durchdrang sie noch ein leises Hoffen, dass die Blume Hilfe bekommen habe.
Sie selbst ging zu dem Brunnen, in denen die gefrorenen Tränen lagen. Mit einem Netz fischte sie alle heraus und streute sie ums Haus. In der Sonne tauten die Eiskugeln und wurden zu salzigem Wasser, das sich seine Bahnen suchte, bevor es im Erdreich versickerte. Endlich hatte die junge Frau das Gefühl, auch von dieser Last befreit zu sein.

So endet dieses Märchen nicht mit der übliches Formel „und wenn sie nicht gestorben sind...“
Es endet mit der Einsicht, dass man auch im Märchen seinen Gespenstern nicht fliehen kann und sich dem Leben stellen muss. Zumindest die junge Frau hat dies auf eine sehr unmärchenhafte Weise erkannt.

 

© Enya K.