Und du redest nur von Einsamkeit

 

Bildquelle: M. Großmann  / pixelio.de

 

 

„Mir ist so schrecklich kalt, Justus“. Ich will nicht jammern, aber nach dem endlosen Schweigen musste dieser Satz nun raus. Er schaut mich an, grinst.
„Kein Wunder Lilly, sieh dich mal um. Du wolltest in diese Eiswüste.“ Er hat recht, zweifelsfrei. Diesen verlassenen Ort habe ich vorgeschlagen, aber nur, um ihm mitzuteilen, dass es so nicht weitergeht. Zuhause hätte es ein Wortgefecht gegeben, dem ich mich nicht mehr aussetzen will. Ich dachte, diese Eiseskälte könne ihm ein wenig den Atem nehmen und ihn einfach zuhören und nachdenken lassen. Das habe ich jetzt davon. Wir frieren auf dieser Parkbank fest und die Worte erstarren, kaum, dass sie meinen Mund verlassen.
Erneuter Versuch. „Justus …,“  Kondenswölkchen  „... ich will sagen, mich friert’s in unserer Beziehung.“  Wolkentürme bauen sich vor seinem Gesicht auf, mutieren zu einem Fragezeichen vor seiner Stirn. Er schüttelt den Kopf.
„Meinst du, Lilly, ich stricke einen Pullover, der unsere Beziehung wärmt?“ Wieder dieses dämliche Grinsen.
Ich schlucke meine Tränen hinunter, sie würden eh sofort gefrieren, beschließe Klartext zu reden.
„Ich bin einsam.“ Sein spöttisches „Ach!“ höre ich nicht, erkenne es aber an dem Wölkchen vor seinem Mund. Zwecklos, denke ich resigniert und krieche tiefer in meinen Lammfellmantel.
Plötzlich greift eine warme Hand nach meinen Eisfingern. Justus zieht mich hoch. „Komm!“
Während wir durch den Park wandern, höre ich ein Summen. Es ist Justus, aus dessen Mund die Töne leise herausströmen. Die Melodie kommt mir bekannt vor. Automatisch formen meine Gedanken die Worte. So how can you tell me you're lonely…

Der Himmel verdunkelt sich rasch, Blau löst sich in diffusem Grau auf und das blauglitzernde Farbenspiel des Schnees scheint zu erstarren. Kaltes, ödes Weiß, wäre da nur nicht das Summen. Ich mag es nicht hören. Justus zieht mich mit und ich trotte wie ein Esel hinterher, ein einsamer gewissermaßen. Das Summen endet plötzlich. Nein, es wandelt sich und ich höre die Töne, noch ehe ich ihren Ursprung sehe. „Voilà!“ Justus macht eine einladende Handbewegung, als sei er ein Conférencier auf einer Bühne. Typisch, denke ich, doch dann sehe ich ihn. Einen Mann, allein steht er am Fuße einer Treppe, die zu einem großen Torbogen führt. Er spielt Saxophon und die weichen Töne seiner bluesartigen Musik hüllen ihn ein. Niemand, der ihm zuhört. Völlig versunken spielt er sich seine Traurigkeit von der Seele.
Ich löse meine Hand aus Justus’ Griff, gehe ein paar Schritte auf den Einsamen zu und lasse die Töne in mich hineinfließen. Justus legt seinen Arm um meine Schulter. „Und du redest von Einsamkeit?“
Aber diesmal höre ich in seiner Stimme weder Spott noch Vorwurf. Ein Lächeln kommt mir so absichtslos hoch, ich weiß nicht woher, es scheint mir, als sei es lange in mir gewesen. Der Saxophonist unterbricht sein Spiel nicht, aber seine Augen lächeln.
„Komm!“, meint Justus und zeigt auf das Portal. Stufe für Stufe erklimmen wir die Treppe und als wir unter dem Torbogen stehen, hat sich meine Sichtweise verändert. Wir sind auf einem bunten Jahrmarkt, der einem Kaleidoskop aus Farben gleicht.

In all dem Glanz sehe ich sie. Die Frau, die frierend in ihrer Bude steht und hoffend wartet, dass jemand ihre bunten Socken kauft. Den jungen Mann, der allein an einem Stand harrt, die Flasche Rotwein in seiner Hand, halb geleert. Das Mädchen mit den Rasterzöpfen, die einen Hund hinter sich herzieht und an jedem Mülleimer stehen bleibt und in den Abfällen stochert. Sie alle wollen am bunten Jahrmarkt des Lebens teilhaben. Auf einmal überkommt mich ein Gefühl von Scham, das auch nicht von den Lichtern der Karussells und der heiteren Musik aus den Lautsprechern verdrängt werden kann. Inmitten des strahlenden Glanzes wohnt sie die Einsamkeit. Meine Einsamkeit … Noch ehe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht habe, sagt Justus: „Deine Einsamkeit ist hausgemacht, Lilly!“ Sachlich, fordernd, beinahe kühl kommen diese Worte, doch eigenartigerweise wird es mir auf einmal warm.