Nie wieder Wüstchen           

Er stand stramm. Die Hacken zusammen, eine Hand seitlich an der Hosennaht anliegend, die andere am Gürtel klammernd, der die zu weiten Beinkleider um den mageren Körper zurrte, bot er dennoch nicht das Bild einer militärisch anmutenden Gestalt, sondern eher das eines Bücklings. Die Schultern beugten sich nach vorn, wie von einer unsichtbaren Kraft gedrückt. Aus dem zu weiten Hemdkragen, der von einem überdimensionalen Krawattenknoten zusammengehalten wurde, ragte ein dürres Hälschen, das an ein gerupftes Huhn erinnerte. Die Haare, brav und exakt gescheitelt, lagen – durch Pomade gebannt - eng an dem zu kleinen Kopf an.
Sein Name war Wurst – ein einziges Unglück, denn in der Firma hatte er rasch den Spitznamen „Würstchen“ erhalten.

Jetzt stand unser „Würstchen“ vor dem Mahagonischreibtisch von Herrn Eber, der seit zwei Monaten Abteilungsleiter war.

Das Ungeheuer meldete sich, jenes Monster, das seit langem in Würstchens Eingeweiden hauste, manchmal träge und faul, doch immer lauernd auf die Momente, da sein Wirt ihm etwas zum Fressen anbot.

Wie mit einem Flammenzünder schien das Feuer entfacht und begann sich in Würstchens Innerem auszubreiten und dem Untier Nahrung zu spenden.

Schon oft hatte der Gepeinigte sich gefragt, ob dessen Name Angst sei. Schweißgetränkte Hände, die jedes Mal eine Folge des Monsterhungers waren, schienen dies zu bestätigen.

Manchmal jedoch sagte er sich, dass es auch Zorn heißen könne, eine lodernde Wut, die brannte. Wut auf sich selbst vor allem, dass er es noch nie geschafft hatte, aus seinem dunklen Loch zu kriechen und dieser Gestalt vor ihm die Stirn zu bieten.

Nun war es wieder einmal so weit. Würstchen stand buckelnd stramm vor Eber, dem gleich eines Heiligenscheines eine unverkennbare Eigenwerbung auf dem Gesicht stand. „ICH.....und sonst niemand!“

Eber schaute streng. Alles an ihm war feist und ausladend. Seine dicken Wangen hingen etwas, und da er permanent Kaugummi kaute, schwabbelten die Hängebacken immer hin und her. Dass er sich zudem allzu gern einen genehmigte, bewiesen die vielen feinen blauroten Äderchen in seinem ansonsten blassrosa Gesicht. Zudem glühte seine Nase immer in herrlichem Rotton.

Ihm zu Füßen, unter dem Schreibtisch, lag Sonnenzauber, Ebers Mops und zum wiederholten Male fragte sich Herr Wurst, wie dieses Tier zu dem Namen gekommen war, glich doch der Kopf eher einer zerklüfteten Mondlandschaft. Eber hatte einen Fuß unter den Körper des Hundes geschoben und wippte leicht mit dem Bein, was das Tier auf und ab hüpfen ließ, als habe es einen Schluckauf.

Sonnenzauber war träge. Morgens schleppte ihn Eber mit ins Büro, da lag er bis zum Abend und gab keinen Mucks von sich. Jeden Tag, zur Mittagszeit, musste Fräulein Blümchen, die Sekretärin, das Tier hinausbringen

Herr Wurst schaute irritiert auf die dicken Finger von Eber, die beinahe zärtlich einen dicken Stein streichelten, der in einer Schale mit getrockneten Früchten lag. Woran erinnerte ihn nur diese immer gleich bleibende Handbewegung? Würstchen erschauerte und verdrängte die aufkommenden Bilder. Sofort machte sich das Ungeheuer bemerkbar und biss zu. Würstchens Eingeweide krampften sich zusammen.
Jetzt feixte Eber und machte eine Handbewegung, die dem „Würstchen“ sagte: „Zurücktreten!“, was dieser anstandslos befolgte.

„Dacht ich mir’s doch“, meinte Herr Eber süffisant mit seltsam hoher Fistelstimme, beugte sich vor und schaute auf die Füße von Herrn Wurst.

Dieser folgte dem Blick beschämt, denn er wusste: Schon wieder waren die Schnürsenkel seiner braunen Halbschuhe offen. Aber sich jetzt bücken und die Schuhe zu binden, das käme einer Verbeugung gleich, die er dann doch dem Heiligenschein nicht gönnen mochte. Flüchtig streifte ihn der Gedanke, dass er beim Hinausgehen aufpassen müsse, um nicht zu stolpern. Das Untier in ihm fraß und Würstchen schluckte...
„Lassen wir das“, meinte Eber, „Sie, mein lieber Wurst, haben Ihre Chance vertan. Die Ausarbeitung Ihres Entwurfes sollte gestern auf meinem Schreibtisch liegen. Und? Nichts ist. Ich habe Ihnen deutlich gesagt, dass ich Ihnen aufs Dach steigen werde, wenn das wieder nicht klappt. Ich muss das dem Chef melden. Wie gut, dass ich ebenfalls einen Entwurf vorbereitet habe. Schließlich geht es um das Ansehen der Firma.“

Er schnaufte nach dieser langen Rede, denn auf Grund seiner Körperfülle war er kurzatmig geworden.
„Aber ich...ich habe doch....“, stotterte „Würstchen“ und seine Augen, hellblau und wässrig, irrten hilflos über Ebers Schreibtisch.
„Nichts haben Sie“, fuhr dieser seinen Untergebenen an. „Der Entwurf ist nicht da! Basta! Und nun machen Sie, dass sie raus kommen! Ich habe zu tun.“
Er machte eine Handbewegung, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen.
Herr Wurst dienerte und schlich rückwärts buckelnd aus dem Zimmer. In der Tür stolperte er über die offenen Schnürsenkel und fiel....ja, fiel in weiche Arme, die ihn auffingen.
Er traute sich kaum, hochzuschauen. Als er es schließlich doch wagte, blickte er in die rehbraunen Augen von Fräulein Blümchen.
Sie war der gute Geist der Abteilung, kümmerte sich um jeden, und vor allem sah sie Dinge, die andere nicht wahrnahmen.

„Ach, Herr Wurst“, meinte sie nun betrübt. „Haben Sie sich von dem Schweinekerl mal wieder in die Ecke stellen lassen? Das kann doch nicht auf diese Weise weitergehen. Sie haben so viel Potenzial, Sie müssen endlich lernen, dies auch ins rechte Licht zu rücken.“
Energisch zog sie ihn zu ihrem kleinen Schreibtisch und drückte ihn auf den Stuhl.
„Nun erzählen Sie mal....“

Und „Würstchen“ fing an zu reden, stotternd erst, doch dann immer schneller, ja er wurde sogar laut, denn zum ersten Mal kochte in ihm eine unbändige Wut. Anscheinend war das Monster satt von seiner Angst und brauchte neue Nahrung.
Als er schließlich erschöpft am Ende seiner Geschichte angelangt war, zog Fräulein Blümchen ihre Stirn in Falten.

„Moment mal Würstchen....äh...Verzeihung, Herr Wurst...ich habe aber den Entwurf gestern auf Ebers Schreibtisch gesehen. Ich war im Zimmer, als er ihn in den Safe gelegt hat. Da will Ihnen einer was Übles. Und das sollten Sie nicht zulassen.“
Herr Wurst wand sich, kroch in sich hinein, wurde noch schmaler und kleiner, als er es wirklich war.
„Aber wie soll ich das beweisen?“, flüsterte er.
Fräulein Blümchen überlegter kurz.
„Lassen Sie mich nur machen“, meinte sie dann. „Jetzt gönnen Sie sich eine Mittagspause.“

Eine halbe Stunde später schlich die Sekretärin in Ebers Zimmer, der – wie sie wusste - immer zu dieser Zeit sein Mittagsschläfchen hielt. Ja, schnarchend und schnaufend lag er auf der Liege neben der Tür. Blümchen arbeitete schnell und beinahe lautlos. Sie kannte die Kombination des Safes, das leise Klacken, als sie das Zahlenschloss drehte, war kaum zu hören. Zwei Minuten später drückte sie Herrn Wurst die Unterlagen in die Hand – und unter uns: Der Entwurf war großartig.

„Was..., was mach ich jetzt damit?“, fragte Wurst.

„Jetzt reißen Sie sich aber am Riemen!“, schimpfte Blümchen.
„Sie gehen morgen früh gleich zum Chef damit....und ziehen Sie sich um Gottes Willen mal was anderes an, etwas das Ihnen passt und vor allem andere Schuhe, möglichst ohne Schnürsenkel.“

Damit ließ sie den perplexen Wurst stehen.
Dieser wuchs über sich selbst hinaus. Am nächsten Morgen, gegen neun Uhr, hatte der Chef den Entwurf auf seinem Tisch, und um zehn Uhr kam er zu Wurst ins Zimmer, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
„Phänomenal, Herr Wurst! Mit Ihrem Entwurf werden wir den Auftrag bekommen.“ Ehe er das Zimmer wieder verließ, schaute er irritiert seinen Untergebenen irritiert an. Irgendwie sah er heute anders aus. Richtig fesch.

Zwei Stunden später schnaufte ein hochroter Herr Eber in Würstchens Zimmer. Er blies die Backen auf und wollte gerade loslegen mit einer Tirade, die ihresgleichen suchen würde.
Doch Herr Wurst erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl, die Schultern gerade, mit einem leicht spöttischen Lächeln im Gesicht.

„Versuchen Sie es gar nicht, Herr Eber, egal, was Sie auch sagen wollen, Sie gehen mir so was von auf den Senkel – ich bin nicht bereit, mir auch nur ein Wort anzuhören.“
Dem Angesprochenen blieb das Wort buchstäblich im Halse stecken. Unwillkürlich war sein Blick bei Würstchens Worten zu dessen Füßen gewandert. Keine Schnürsenkel, nein, feine Slipper aus Wildleder.

Diesmal stolperte Eber rückwärts aus dem Zimmer. Dass die Knie von Herrn Wurst leicht zitterten und seine Hände schweißnass waren, bemerkte er nicht.
Eines aber wusste Herr Wurst nun: Nie wieder würde er ein „Würstchen“ sein.