Der Klang der Wurzeln

Vor drei Monaten ist mein Großvater gestorben. Vor einer Woche bin ich achtzehn Jahre alt geworden und meine Mutter hat mir seinen Brief ausgehändigt. Ich habe bis dahin nicht an Fügungen geglaubt, die mein Leben bestimmen. Nun meine ich, dass es doch so etwas wie ein Schicksal gibt, das unser Leben von Grund auf ändern kann.
Meine Familie schien mir immer wie ein Baum, ein schwacher, dem Wind sich beugender, der nicht den Gewalten trotzt, sondern der sich biegt und schließlich bricht. Großmutter Luise ist seit drei Jahren tot, sie starb an Brustkrebs und Simon, mein Großvater, hat sie bis zum Schluss gepflegt. Nun ist auch er tot und ich fühle mich einer Wurzel beraubt, die mir Halt gegeben hat.
Vor einiger Zeit, als es ihm noch gut ging, hat er mir gesagt, dass Wurzeln eines Baumes sich mitunter stark verzweigen und dass man nach Seitenwurzeln suchen müsse, die unter Umständen fester seien als die, die gerade in die Tiefe wachsen. Ich habe ihn nicht verstanden damals. Doch jetzt, da ich seinen Brief in den Händen halte,  meine ich die Bedeutung seiner Worte zu verstehen.
„Suche nach den Seitenwurzeln, Benjamin und vollende das, was ich nie konnte“.
In dem Brief fordert er mich auf, in sein Haus zu gehen und nach Unterlagen zu schauen, seine Anweisungen sind vage, er spricht von einem Kästchen auf dem Speicher. Der Brief endet mit den Worten: „Du hast den Klang gehört, wolltest ihn wieder hören. Geh und folge diesem Klang um die Seitenwurzeln zu finden.“


Warum nur zögere ich seit einer Woche, seinem Wunsch nachzukommen? Seit vier Monaten habe ich mein Abi in der Tasche, Lernen war nie ein Problem für mich. Mein Vater will, dass ich Jura studiere, aber ich möchte gern in Großvaters Fußspuren treten und Archäologe werden – ein unmögliches Unterfangen, wie mein Vater sagt. Er trinkt zu viel, seit Jahren schon. Ob dies der Grund für die Scheidung meiner Eltern war – keine Ahnung. Eher die elenden Streitereien, die sinnlosen Worte, die sie sich täglich um die Ohren gehauen haben. Nicht einmal  bei Großvaters Beerdigung haben sie es geschafft, sich respektvoll zu begegnen. Ich wäre am liebsten davon gelaufen. Einmal mehr bin ich froh, dass ich bei meiner Mutter lebe. Auch ich würde mich täglich mit Vater streiten.

„Folge diesem Klang…“ Heute Abend werde ich ins Haus meines Großvaters gehen.

 

Das Haus atmet nicht mehr. Die Mauern riechen nach Verfall, obwohl der äußere Anschein etwas anderes erzählt. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, halte inne, zögere. Wie viele Male bin ich durch diese Tür gegangen, bin in diesen Räumen gewesen, deren Inneres einst Wärme und Geborgenheit verheißen hat. Der Schlüssel lässt sich leicht drehen. Entschlossen drücke ich gegen die schwere Holztür und bin beinahe überrascht, dass sie sich so leicht öffnet. Das Knarren tönt in der Stille des Abends dumpf und unnatürlich und unwillkürlich halte ich den Atem an.

Der modrige Geruch, den ich schon draußen wahrgenommen habe, schlägt mir entgegen, als ich in die Diele trete. Automatisch betätige ich den Lichtschalter, der sich links neben der Tür befindet. Nichts tut sich und ich muss beinahe lachen bei der Erkenntnis, dass mein Vater wohl nichts Eiligeres nach Simons Tod zu tun gehabt hat, als den Strom abschalten zu lassen.

Aus meiner Jacke hole ich die kleine Taschenlampe, dankbar dafür, dass ich daran gedacht habe, sie mitzunehmen. Ich lasse den gelblichen Lichtkegel wandern. Vertraute Bilder tauchen auf, die im Schein der Lampe kurz erscheinen und wieder verschwinden. Das Bild der Großeltern an der Wand am Ende des Flures, die alte Truhe darunter mit dem jetzt vertrockneten Strauß von Getreide und Feldblumen.

Ich gehe vorbei an der schmalen Tür, die ins Badezimmer führt. Kurz lasse ich den Schein der Lampe auf den Kratzspuren ruhen, die Kater Mucks verursacht hat, Spuren, die einst von Lebendigkeit zeugten, doch jetzt genauso tot wirken wie alles in diesem Haus.

Die Tür zur Küche steht offen und ich halte auf der Schwelle inne, lasse meinen Blick mit dem Strahl der Taschenlampe wandern. Was einst fröhlich und bunt der Küche ein heimeliges Strahlen verliehen hat, ist nun verblasst. Wie oft habe ich hier mit meinem Großvater gesessen und geredet.
Ich verlasse diesen Ort der Erinnerung und betrete das Wohnzimmer. Beinahe bin ich dankbar für das Knarren der Dielen unter meinen Schritten. Von draußen dringt ein wenig Licht durch das Seitenfenster in den Raum, malt bizarre Schatten an die Wandfläche gegenüber der Tür.

Mein Blick fällt auf das Bild auf dem Kaminsims. Es ist mir nie gelungen, aus Großvater Informationen herauszulocken, die dieses Bild näher erklären. Er hat es kurz nach Großmutters Tod dorthin gestellt.

Im Vordergrund hockt ein junger Mann, ein Aborigine, das ist offensichtlich. Seine Hautfarbe scheint dunkel, was mich aber irritiert, ist sein vergleichsweise helles Haar, das nicht tiefschwarz ist, wie man es sich bei den australischen Ureinwohnern vorstellt, sondern im Licht beinahe hellbraun schimmernde Strähnen zeigt. Schon beim ersten Hinschauen erschien mir dieser junge Mann seltsam vertraut. Er hockt im Schneidersitz, der Oberkörper ist nackt und er hat ein Didgeridoo zwischen den Beinen, bläst anscheinend hinein. Mehrere Männer stehen im Halbkreis hinter ihm. Was jedoch meine Aufmerksamkeit sofort gefesselt hat, ist die Frau, die direkt hinter ihm steht, die Hände locker auf die Schultern des jungen Mannes gelegt. Sie ist schon älter, vielleicht um die fünfzig, es ist schwer zu sagen, zahlreiche kleine Fältchen durchziehen ihr Gesicht. Dennoch erkennt man, dass sie eine sehr schöne Frau ist.
Jetzt auch wieder fasziniert mich ihre Ausstrahlung, ihr Blick – wie soll ich ihn beschreiben? Gütig? Abgeklärt? Nein, das trifft es sicher nicht. Eine unbestimmte Sehnsucht liegt darin und Stolz, wie sie auf den jungen Mann blickt.

Ein Haus verfällt, wenn es nicht mehr bewohnt wird. In der kalten Jahreszeit entweicht die Wärme des Sommers rasch. Mauern speichern die feuchte Kälte, Staub setzt sich auf Möbel und Erinnerungen und es wohnen Schatten darin. Das Bild des Verfalls ist stärker in meinem Kopf, als es in der kurzen Zeit real sein könnte.

Dieses Haus ist mir immer ein Rückzugsort gewesen, den ich aufsuchte, wenn ich mal wieder alles so satt hatte – und das war ziemlich oft der Fall.

Jetzt, da ich das Bild betrachte, scheint mir das Geheimnis dieses Hauses, das Geheimnis meines Großvaters, seine Spur, die ich noch nicht kenne, auf einmal sehr nah.

Plötzlich glaube ich den Klang zu hören, diesen vibrierenden Ton, den ich schon einmal vernommen habe, damals vor beinahe zwei Jahren und der mich nie losgelassen hat.

 

Es war ein bitterkalter Tag im Januar und ich wollte mich bei meinem Großvater aufwärmen, äußerlich wie auch innerlich. Ein hässlicher Streit mit meinem Vater war mal wieder ausgeufert und er hatte mich einen Nichtsnutz genannt.

Ich stieß die Tür zu Großvaters Haus auf und wurde sofort von eigenartigen Klängen umgeben, die seltsam vibrierend durch das Haus dröhnten, tief dunkel in scheinbarem Gleichmaß auf und abschwellend. Ich hielt gebannt inne. Die Töne drangen in mich ein, ich konnte mich ihrer Faszination nicht entziehen. Erst war ich nicht in der Lage zu sagen, welches Instrument diese Klänge verursachen könne, ich hatte Bilder vor Augen, von Buschland oder auch Urwald, fremd, bizarr. Ein Didgeridoo – plötzlich war ich mir sicher.

Ich ging den Tönen nach,  lief die Treppe hinauf in den ersten Stock und nun erkannte ich, dass die Klänge vom Dachboden kamen. Plötzlich wurde es still und diese  Stille umfing mich  so stark, dass ich meinen eigenen Atem hören konnte. Oben hörte ich eine Tür und schnell trat ich hinter den Mauervorsprung neben der Treppe zurück. Ich kam mir vor wie ein heimlicher Lauscher, hatte das Gefühl, dass diese Töne nicht für meine Ohren bestimmt waren. Großvater kam die Treppe herunter und entdeckte mich. Er sagte nichts, sah mich nur mit einem langen merkwürdigen Blick an.

Viel später erst hat er es mir dann gezeigt, das Didgeridoo,  das er aus Australien mitgebracht hatte, wo er als junger Mann beinahe ein Jahr verbracht hatte im Rahmen seines Berufes als Archäologe. Aber niemals hat er sich dazu bewegen lassen, das Instrument in meiner Gegenwart zu spielen.

Plötzlich verspüre ich einen Windhauch, er dringt durch eine undichte Ritze des Fensters und holt mich in die Gegenwart zurück  Der Wind ist Bote, Bote der Erinnerungen und sein leises Pfeifen flüstert mir nun ein Muss zu. Ich weiß, dass mich mein Weg jetzt auf den Dachboden führen wird, dennoch verharre ich einen Moment, zögere es hinaus.
Als ich Kind war, saß Großvater oft an meinem Bett, erzählte Geschichten von seinen Reisen, ließ Landschaften lebendig werden, manchmal auch Menschen. Bei den Schilderungen von Australien jedoch ließ er diese Menschen aus, wenn ich danach fragte, schien sich ein Schatten über seine Augen zu senken.
„Menschen?“, hatte er gesagt. „Sie sind dort wie hier, sie trachten nach dem Glück, sie suchen die Liebe, finden sie manchmal auch und sie verlassen sich.“

In dieser kühlen feuchten Herbstnacht habe ich mich entschlossen, diesen Schatten nachzuspüren, einen Weg zu gehen, der gepflastert ist mit Fragen. Ich weiß inzwischen, dass wir immer nur einen Teil der Wahrheit sehen, den, den man uns sehen lässt und vor allem den, den wir selber sehen wollen. Jetzt will ich.

Plötzlich sehe ich ihn in fremder Umgebung, getaucht in glutrotes Licht einer untergehenden Sonne, ich sehe ihn auf dem Bild neben der Frau, den Klängen des Didgeridoos lauschen, die in meinem Kopf wieder Raum einnehmen, als seien sie nie verklungen, sondern immer schon da gewesen. Dieses Bild vor meinen Augen fühlt sich richtig an.

Ich finde das Kästchen auf dem Speicher, noch ehe ich in der Ecke das Didgeridoo entdecke. Ich zögere, klappe dann mit einer hektischen Handbewegung den Deckel hoch, erwarte beinahe, dass mich ein Gespenst anspringen wird. Zuoberst liegt ein Bild meines Vaters, dann folgen zwei Briefe, ausländische Marken, den Stempel kann ich im trüben Licht der Taschenlampe nicht erkennen. Dann ein Buch, ich öffne es vorsichtig, die Seiten sind zum Teil vergilbt, einige beschrieben mit Großvaters akkurater Handschrift, Fotos auf vielen Seiten. Ich entdecke das Foto der Frau, die auch auf dem Bild unten ist, jünger, viel jünger und wunderschön. Myuna steht unter dem Bild. Ein paar Seiten weiter sehe ich plötzlich ein Foto, bei dem ich zuerst denke, es zeige meinen Vater, aber dann werde ich gewahr, dass es der Mann ist, der auf dem anderen Foto das Didgeridoo bläst.

Vorsichtig lege ich alles wieder in das Kästchen und nehme es mit nach unten. Das Didgeridoo würde ich später holen. Ich habe es auf einmal eilig nach Hause zu kommen, will mir alles in Ruhe ansehen und lesen, was in dem Buch steht, von meinem Großvater vor vielen Jahren geschrieben. Zuhause lege ich mich auf mein Bett und dann tauche ich ein in die Vergangenheit meines Großvaters.

 

Tasmanien, Februar 1967

 

Wir wollten nur zwei Tage auf die Jagd gehen. Nioka, der mir ein guter Freund geworden war, hatte gelacht. „Ich bringe dir bei, wie man anständig jagt. Du wirst ein Opossum erlegen oder ein Wombat.  Das ist etwas ganz anderes als deine Ausgrabungen.“
Gut ausgerüstet zogen wir los. Die Warnung von dem alten Allambee, der Busch sei zu trocken und es könne gefährlich sein, sich jetzt über mehrere Tage dort aufzuhalten, hatte Nioka abgetan.
„Ihr werdet sehen, in vier Tagen sind wir zurück und Simon wird ein guter Jäger geworden sein.“

Wir streiften durch den Busch, Nioka war ärgerlich, dass sich keine Tiere zeigten. Die Hitze machte auch ihm zu schaffen. Ich selbst konnte mich schon nach drei Stunden laufen kaum noch bewegen. Seit November hatte eine große Trockenperiode die ganze Insel heimgesucht. Dem etwas kühleren Januar war nun eine unerträgliche Hitze gefolgt. Nachdem ich meine beruflichen Pflichten erfüllt hatte und die Ausgrabungen in Queensland beendet waren, wollte ich Land und Leute kennen lernen. In Melbourne hatte ich dann Nioka getroffen, wir hatten uns angefreundet und nun war ich hier, lebte seit drei Wochen bei ihm und seiner Schwester Myuna in Hobart.

Wir hatten genügend Wasser dabei, auch Trockenfleisch und Fladenbrot, das Myuna, Niokas Schwester, extra für uns gebacken hatte. Die Luft war erfüllt von schwirrender Hitze, flimmerte. Erst der Abend brachte ein wenig Erleichterung. Am Mittag des dritten Tages mischte sich ein anderer Geruch in den Duft, den die Eukalyptusbäume und Akazien verströmten. Nioka nahm es noch vor mir wahr.
„Der Busch brennt!“, rief er und packte mich am Arm. Sehen konnte ich nichts, aber nun roch ich es auch.

„Sollten wir dann nicht schleunigst umkehren?“ Ich war verunsichert.

Nioka prüfte die Windrichtung und schüttelte den Kopf. „Wir können nicht umkehren, wir würden direkt in das Feuer laufen.“
Ich hatte keine Vorstellung, wie rasch sich solch ein Buschfeuer ausbreiten kann und wie hoch die Flammen züngeln. So führte uns Nioka in großem Bogen zurück in Richtung der Stadt. Mittlerweile war die Luft rauchgeschwängert, die Hitze legte sich wie ein bleierner Mantel auf unsere Haut, das Atmen wurde zusehends schwerer. Plötzlich schrie Nioka auf, strauchelte, klammerte sich an einem herunterhängenden Ast fest und sank dann in die Knie. In zwei Schritten war ich bei ihm.
„Was ist passiert?“, rief ich und beugte mich herunter. Er hielt sich sein Bein und stöhnte. „Eine Schlange! Eine Black Tiger Snake. Sie hat mich gebissen.“
Ich erschrak, wusste ich doch, dass die Schlangen, die es in dieser Gegend gab, ausnahmslos giftig waren. Nioka fischte das Messer aus seinem Rucksack, zerschnitt sein Hemd in Streifen und begann, einen Druckverband um die Wunde zu wickeln. Ich zog die Luft ein und musste sofort husten.
„Du bekommst eine Infektion. Muss man die Wunde nicht aussaugen?“ Er schaute mich aus schmerzverzerrten Augen an, schüttelte den Kopf.
 „Nein, das wäre falsch.“ Wir rasteten eine Weile, dann drängte Nioka zum Weitergehen. Wir kamen langsam voran. Nioka hatte mir erklärt, dass er seinen Puls niedrig halten müsse, damit das Gift sich nicht zu schnell im Körper ausbreiten könne. Bis zum Abend konnte er kaum noch laufen und dann ließ er sich fallen. „Du musst allein weitergehen, Simon“, sagte er. Ich schüttelte den Kopf, schaute in seine fiebrig glänzenden Augen.
 „Sie werden nach uns suchen. Du wirst den Klang hören, ihm musst du folgen. Sieh zu, dass du immer in südöstlicher Richtung läufst, so kannst du vielleicht das Feuer umgehen.“ Er ließ den Kopf auf das dürre Gras sinken, schloss die Augen. Ich rollte meine Jacke zusammen und schob sie unter seinen Kopf. Inzwischen war es dunkel geworden und an ein Weitergehen war sowieso nicht zu denken. Nioka schlief, er sprach nicht mehr. Irgendwann in der Nacht schlug er die Augen auf, drückte meine Hand. „Simon, du musst dich um Myuna kümmern. Sie mag dich sehr…“ Seine Worte verloren sich. Ich konnte nur nicken, was er nicht mehr wahrnahm, denn er hatte die Augen wieder geschlossen. Ich musste eingeschlafen sein, denn plötzlich schreckte ich durch ein knisterndes Geräusch hoch.
„Nioka! Das Feuer…“ Er antwortete nicht, seine Hand fühlte sich seltsam kalt an. Ich nahm das Messer, die Schrotflinte und meine Wasserflasche und lief los. Die Hitze war unerträglich. Obwohl es längst Tag sein musste, war es dunkel von den dichten Rauchschwaden, die mich von allen Seiten zu umschließen schienen. Ich stolperte vorwärts, wusste die Richtung nicht. Überall züngelten kleine Feuer. Ich hielt mich fern von den großen Bäumen, kämpfte meinen Weg durch das niedrige Buschwerk und das Buttongrass. Die Eukalyptusblätter, die den Boden bedeckten, boten genug Zunder für die sich ausbreitenden Flammen. Die enthaltenen ätherischen Öle brennen ausgezeichnet. Mit meinem Arm streifte ich einen flackernden Ast, verfing mich darin und die Flammen durchdrangen mein Hemd und hinterließen einen scharfen Schmerz.
Dann plötzlich hörte ich ihn, diesen Klang, das Vibrieren. Die Töne durchdrangen die Rauchschwaden und ließen meine Eingeweide zittern. Der auf- und abschwellende Klang umfing mich. Am liebsten hätte ich mich fallen lassen. Doch ich nahm die Flinte und feuerte zwei Schüsse ab, die kurz die Klänge der Didgeridoos übertönten. Ich erklomm einen kleinen Hügel und dann sah ich sie kommen. In die vibrierenden Klänge mischten sich Stimmen von Menschen. Als mich jemand bei der Schulter packte, sackte ich zusammen und verlor das Bewusstsein.


Als ich aufwachte, lag ich in einem weiß bezogenen Bett. Ich drehte meinen Kopf, der ungeheuer schmerzte und mein Blick fiel auf Myuna, die auf einem Stuhl saß und mich anschaute.

 

Melbourne, März 1967

Seit zwei Tagen bin ich aus dem Krankenhaus entlassen. Myuna hat mich mitgenommen in ein kleines Haus am Stadtrand. Meine äußeren Brandwunden verheilen langsam, die inneren Wunden brennen nach wie vor. Von Myuna habe ich erfahren, dass Nioka tot ist, als ob ich es nicht wüsste, hat sie versucht, es mir schonend beizubringen. Längst hat sich sein Geist aus der irdischen Hülle gelöst, existiert in der Traumzeit, die sich für die Aborigines in allen Bereichen der Schöpfung, der Natur, der Menschen manifestiert. Myuna hat auch erzählt, dass Tasmanien von der größten Feuerkatastrophe heimgesucht worden ist. Wir können nicht zurück und so leben wir hier in dem kleinen Haus zusammen mit Josha, einem jungen Mann, der zum Stamme der Palawa gehört wie Myuna auch. Ob sie verwandt sind, weiß ich nicht. Ich frage auch nicht. Es spielt keine Rolle. Abends sitzt Josha vor dem Haus und spielt das Didgeridoo. Manchmal begleitet Myuna das Spiel mit ihrem Gesang.

Irgendwann in diesen Tagen sind wir ein Paar geworden und wenn wir miteinander schlafen, vergesse ich für eine Weile meine inneren Qualen. Über Nioka sprechen wir nicht.

 

April 1967

Morgen fliege ich zurück nach Deutschland. Es ist Zeit.  Gern würde ich Myuna mitnehmen, sie ist mir so vertraut, ich glaube, ich liebe sie wirklich. Aber die Trauer um Nioka lässt es nicht zu, dass wir es aussprechen. Myuna will nicht mitkommen, ihre Wurzeln sind hier. Der Abschied wird mir schwer fallen und eine neue Wunde in meine Seele brennen.

 

November 1967

Ich habe einen Sohn. Er heißt Simon Konol. Konol bedeutet Himmel.

Wie werde ich diese Verantwortung tragen können? Kann man Lasten von Schuld einfach beiseite schieben? Es wird mich immer wieder einholen.

Luise darf es nicht erfahren. Sie ist schwanger im 5. Monat. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

 

Hier enden die Aufzeichnungen meines Großvaters. Meine Augen brennen, ob vom vielen Lesen oder von den unterdrückten Tränen kann ich nicht sagen. Ich verstehe jetzt. Ich weiß nun, woher Großvater die Brandnarben an seinem Arm hat. Ich weiß, warum er immer wieder nach Australien geflogen ist. Mein Vater hat einen Bruder, einen Halbbruder und ich bin sicher, er weiß es, zumindest seit Großmutter tot ist, denn seit dieser Zeit hat er sich mit Simon überhaupt nicht mehr verstanden. Ich durchwühle das Kästchen und suche die beiden Briefe heraus, die Myuna meinem Großvater geschrieben hat. Auf einem finde ich einen Absender. Die Adresse ist gut lesbar, ein Ort namens City of Ballarat.

Als der Morgen dämmert, gehe ich zu meinem Vater, der nur wenige Straßen entfernt wohnt. Ich finde ihn beim Frühstück, noch im Morgenmantel. Er scheint erstaunt, dass ich komme.
„Ich muss ins Büro. Was willst du?“ Ich lasse seine Frage unbeantwortet, lege stattdessen das Foto auf den Tisch, das Konol als jungen Mann zeigt. Mein Vater wird blass, starrt auf das Bild, dreht es mit einer heftigen Handbewegung um.

„Er ist dein Bruder“, sage ich.
„Mein Halbbruder“. Vaters Stimme klingt tonlos, kloßig.

„Ich will mit ihm nichts zu tun haben. Dein Großvater hat uns viel Leid zugefügt mit dieser Geschichte....“  Er stockt.

„Ist es nicht an der Zeit, dieses Leid zu begraben?“ Ich versuche seinen Blick festzuhalten, doch er schaut auf den Tisch, auf die Rückseite des Fotos. „Du jedenfalls wirst mich nicht hindern, diesen Wurzeln, die Großvater hinterlassen hat, nachzuspüren.“

Ich gehe, das Foto lasse ich zurück.

 

Es sind drei Wochen langen Wartens, nachdem ich den Brief an Myuna geschrieben und nach City of Ballarat an diese Adresse geschickt habe. Ein Bild von Großvater habe ich dazu gelegt, berichtet dass er tot ist. Meine Email-Adresse habe ich auch dazugeschrieben.

Und dann kommt die Antwort. Miah, die Tochter von Konol, schreibt. Ihre Worte klingen offen, sie scheint es als völlig normal anzusehen, dass ich diesen Brief geschrieben habe und den Kontakt suche.  Bald chatten wir über Skype und ich bin heilfroh über meine guten Englischkenntnisse. Miah erzählt von ihrer Großmutter Myuna. Ihr geht es gut. Die Nachricht von Großvaters Tod hat sie allerdings sehr betrübt. Sie möchte mich kennen lernen und auch Miah würde sich freuen, wenn ich sie besuche.

„Meinen Dad werde ich schon noch friedlich stimmen“, schreibt sie und ich weiß, dass auch Konol – genau wie mein Vater – nichts von Großvaters anderer Seite wissen will.

Morgen werde ich ins Flugzeug steigen, das mich nach Australien bringen wird, zu meinen Wurzeln, die ich in den letzten Wochen so mühsam ausgegraben habe.

„Nein“, hatte Miah geschrieben. „Das Didgeridoo brauchst du nicht mitzubringen. Wir haben hier genug davon. Aber du wirst lernen, es zu spielen, wenn du magst. Dad ist ein Meister darin. Magst du?“ Und während ich Miahs Worte lese, höre ich den Klang wie mein Großvater ihn damals im Busch gehört hat. Ihm hat er das Leben gerettet, mich führt er nun zu den Wurzeln, die irgendwie auch zu mir gehören. Ich bin bereit, das Erbe meines Großvater anzunehmen. „Ja, ich mag“, flüstere ich und lausche den Klängen, die ich längst in meinem Inneren mir zu eigen gemacht habe.

 

 

Anhang:

Bedeutung der Namen – Aborigin –Ursprung

 

Nioka – grüne Hügel

Myuna – klares Wasser

Konol – Himmel

Miah – Mond

 

Palawa -  Ureinwohner Tasmaniens nennen sich selbst “Palawa”

Sie sind alle Nachkommen von Tasmaniern und Europäern.