(K)ein Paradies auf Erden

 

Prolog: Irgendwo in unserem unendlichen Universum

Durch das Stundenglas der Zeit betrachtet er die Erde, die Menschheit und das, was diese angerichtet hat. Unaufhaltsam rinnen die Spuren, welche jenes sich unfehlbar glaubende Lebewesen hinterlässt, durch Raum und Zeit.

Gerade wieder haben Naturkatastrophen an unterschiedlichen Punkten der Erde Tribut gefordert – teuer bezahlte Nachlässigkeit ihrer Bewohner. Der Pegelstand einiger Flüsse hat das erträgliche Maß überschritten und was an einer Stelle Verlust von Hab und Gut bedeutet, muss an anderer Stelle mit dem Leben bezahlt werden. 

Er schaut in das Stundenglas mit trübem Blick. Doch dann steigt ihm die Zornesröte ins Gesicht: Die Seidenschnur der Jahre, die noch kommen, liegt aufgereiht vor ihm, lässt ihn erstarren.

Der Gottesbefehl vom Bebauen und Bewahren – missverstanden, unbefolgt, schlimmer: ihm wurde zuwider gehandelt.

Was einst in buntem Glanz erstrahlte, verliert sich nun in Dunkelheit.
Was einst der Menschheit anvertraut, ist nun  auf Sand gebaut.
Er möchte weinen, sich abwenden  und entfliehen. 

Ein letzter Blick ins Jetzt jedoch lässt ihn innehalten...Ein hell strahlendes Licht umgibt das Stundenglas und er schaut genauer hin, erstaunt.

Vielleicht, denkt er und seine Wut und seine Betrübnis werden von Hoffnung durchzogen, vielleicht ist noch nicht alles verloren...

 

Zur gleichen Zeit auf der Erde

Irgendwie war ihr Leben aus den Fugen geraten. Einige Schicksalsschläge hatten sie erstarren lassen und die Zweifel an dem Sinn ihres Lebens waren stärker geworden als je zuvor. Es gab nichts, das sie motivierte, nichts, das ihr Freude machte. So begann sie einer unbestimmten Sehnsucht Raum zu geben, die ihr innewohnte: Wie ein Brand loderte sie in ihr, diese Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden. Die Alternative schien ihr nur das himmlische Paradies, an das sie aber nicht glaubte. Also wehrte sie dieses unbestimmte Sehnen nicht ab, obwohl sie natürlich wusste, dass es ein Paradies auf Erden nicht geben werde. Dieser Zwiespalt zwischen Sehnen und dem Wissen des Unmöglichen machte ihr beinahe Angst, erfüllte sie zumindest mit Ratlosigkeit und ließ sie in einer bleiernen Lähmung dahinvegetieren.

Ihr Weltbild war auch nicht gerade dazu angetan ihr Mut zu machen. Fortschreitende Umweltzerstörung, Globalisierung von Machtausübung, Kriege, Unterdrückung, Spionage der Geheimdienste sogar unter Verbündeten, Armut und Verarmung an Werten... all das bedrückte sie sehr. Nur zu gern hätte sie den Politikern ein Misstrauensvotum gestellt, ließen diese doch die Menschen überall  mit ihren illusionsgeladenen Versprechen allein.
Sollte sie aufgeben, sich resignierend dreinschicken oder sollte sie versuchen, doch ein winziges Stück Leben zu finden, das dem Paradies auf Erden nahe kam?
Sie begann Urlaubsprospekte zu studieren, wühlte sich durch das Internet. Aufbruchstimmung machte sich breit. Irgendwann hatte sie sich entschieden. Die Angebote, die dieses Paradies auf Erden versprachen, waren ungeheuer zahlreich, so dass die Entscheidung schwer fiel.

Bald darauf jedoch fand sie sich auf einer Insel im Indischen Ozean wieder, in einem Ort direkt am Wasser, der noch viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hatte. Keine Bettenburgen, sondern kleine Bungalows, die sich wunderbar zwischen den Palmen einfügten. Die spartanische Einrichtung kam ihrem Anliegen nahe. Wozu Luxus, den hatte es im Paradies, wie es in der Bibel beschrieben ist, auch nicht gegeben.
Von ihrem Bungalow aus hatte sie einen wunderbaren Blick aufs Meer. Es erstrahlte im Sonnenlicht in zahlreichen Blau- und Grünschattierungen, davor glitzerte der beinahe weiße, feine Sand und sie meinte, er sei von winzigen Diamanten durchsetzt. Nur während des Sonnenuntergangs wechselte das Wasser die Farbe, ein sich ständig ändernder orange-roter Teppich in dem langsam schwächer werdenden Licht breitete sich vor dem Auge des Betrachters aus, so lange, bis der Feuerball endgültig am Horizont abgetaucht war und sich schwarze Schatten aufs Wasser legten. Ja, das hier schien ihr paradiesisch und sie meinte, langsam wieder aufzutauchen aus ihrer Lethargie.

Eines abends saß sie im Dämmerlicht vor ihrem Bungalow und träumte vor sich hin. Eine grauweiße Katze leistete ihr Gesellschaft. Zunächst hatte sie scheu in einiger Entfernung gekauert, hatte sie beäugt, doch dann war sie näher gekommen, hatte sich dicht neben sie gelegt. Gedankenverloren kraulte sie das Tier, das mit seiner rauen Katzenzunge ihre Hand leckte.

Plötzlich gewahrte sie einen älteren Mann, den sie in der Ferienanlage schon öfter beobachtet hatte, wie er die Wege und Grünanlagen säuberte. Jetzt sammelte er alles Mögliche vom Uferstreifen auf und füllte es in einen Sack, den er mit sich schleppte. Sie konnte nicht erkennen, was es war, das er hineingab.
Sein Blick fiel auf sie und sie meinte etwas Anklagendes in seinen Augen zu lesen. Sie konnte seinem Blick nicht standhalten und wendete ihr Gesicht ab. Es wurde dunkel und sie lag im Sand, vermochte ihre Augen nicht zu öffnen. In ihrem Inneren sah sie immer noch den Blick des Mannes und schmerzlich spürte sie Gefühle, die sie eigentlich nicht wahrnehmen wollte. Ihr Verstand schien ihr nicht mehr zu gehorchen und es gelang ihr nicht, diese Empfindungen zurückzudrängen, die sie mehr und mehr überrollten. Es waren Gewissensbisse.
Als sie auftauchte aus dem Dunkel und sich aufsetzte, erschrak sie. Ihr gegenüber saß der Mann, aber jetzt schaute er eher fragend, abschätzend.

Nach dem ersten Schrecken versuchte sie, seinem Blick diesmal nicht auszuweichen und tauchte in die Augen, die so wissend schienen. So schauten sich beide an und schwiegen. Man hörte nur das Geräusch der Wellen, die sanft am Ufer umschlugen. Schließlich unterbrach er die Stille und sie wunderte sich, dass sie ihn verstehen konnte, dass er ihre eigene Sprache sprach.

„Du suchst das Paradies auf Erden und meinst, es hier gefunden zu haben?“, sagte er ruhig. Sie konnte nur nicken.
„Ja, so denken viele. Sie zerstreuen sich über den ganzen Erdball, suchen ihr Glück in einer Welt, die frei ist von den Ungerechtigkeiten und Missständen, die sie selbst verantwortet haben, eine Welt, in der die Natur noch so ist, wie sie uns einst geschenkt wurde. Sie suchen nach Abenteuern, nach Ruhe, nach Schönheit, wollen all dem entfliehen, was Leben vernichtet oder es schädigt. Dabei vergessen sie, dass sie auch nur in eine Scheinwelt eindringen, die sie mit ihrem Wohlstand und Reichtum für kurze Zeit kaufen können, sie wollen nicht sehen, dass in dieser Scheinwelt das angebliche Paradies auch keinesfalls existiert.“ Er schwieg.
Sie machte eine hilflose Geste mit der Hand, zeigte auf die unvergleichliche Schönheit der Landschaft.

Er sprach schon weiter:
„Was denkst du, wie wird es hier in fünfzig Jahren aussehen? Du wirst das Paradies auch an diesem Ort nicht finden. Weißt du, dass ich einst glücklich lebte mit meiner Familie, so wie die meisten hier? Wir fuhren hinaus mit unseren Booten zum Fischen, lebten in Hütten, ernährten uns von dem, was die Natur uns gab. Das ist lange vorbei. Die Fischgründe geben uns schon jetzt nicht mehr das, was wir benötigen.
Ja, wir leben heute von euch Touristen und es werden mehr und mehr werden, weil die Menschen in ihren Lebensräumen lange nicht mehr das finden, was auch nur annähernd mit einem Paradies zu tun hat. Auch dieses wunderbare Stück Erde hier wird verschandelt werden. Bäume werden sterben, Tiere ihren Lebensraum verlieren. Den Touristen bieten wir noch die heile Welt, doch in Wirklichkeit haben wir hier – wie auch anderswo - den Schlüssel zum Paradies verloren, ja, ihn vielleicht nie besessen.“

Sie war betroffen, sprach er doch nur aus, was sie eigentlich die ganze Zeit über gewusst hatte. Es gab es nicht, das Paradies auf Erden.
„Was können wir tun?“, fragte sie. “Gibt es überhaupt eine Chance?“
Ein leichtes Lächeln überzog sein Gesicht.
„Die Chance liegt in uns“, meinte er. „Wir Menschen sind ein Teil des Ganzen, des großen Universums, aber gefangen, indem wir uns als abgetrennt von allem betrachten, wir zirkulieren um unsere Winzigkeit und unser Horizont ist eng. Vielleicht sollten wir aufhören, uns als isolierte Einzelwesen zu betrachten, sondern unser Mitgefühl, das uns doch als Mensch gegeben wurde, ausdehnen und erweitern auf alle Lebewesen und die gesamte Natur."
„Aber versuchen nicht schon viele dagegen zu steuern und zu schützen, was gefährdet ist?“, wagte sie anzumerken.

„Warum bist du hier?“, lächelte er. „Du suchst für dich ein kleines Glück, entfliehst deinen Problemen, deiner Verantwortung und wirst das doch nicht schaffen. Jedem Erdenbürger gebühren menschenwürdige Bedingungen für ihr Dasein. Ihr glaubt, euch das Paradies kaufen zu können. Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen nicht mal ihre Grundbedürfnisse befriedigt bekommen?“

„Hör auf!“, rief sie, schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu. Sie wusste es ja, immer hatte sie es gewusst. Warum nur war ihr dieses Wissen abhanden gekommen in ihrer jämmerlichen Beschäftigung mit sich selbst? Als sie wieder aufschaute, war der alte Mann verschwunden. Nur die Katze lag noch neben ihr und schmiegte das Köpfchen in ihre Hand.

Am nächsten Morgen packte sie ihre Sachen. Bevor der Bus sie zum Flughafen abholte, ging sie noch einmal durch die Ferienanlage.
Sie sah den alten Mann, wie er die Liegen am Pool mit Auflagen bestückte. Ihre Blicke begegneten sich für Sekunden, aber er zeigte kein Erkennen.
Sie flog zurück nach Hause, trug das Bild der paradiesischen Täuschung in sich.

Sie begann zu schreiben, suchte Menschen, denen sie ihre Ideen vermitteln wollte. Viele hörten nicht zu, lasen nicht, was sie schrieb. Aber es gab immer mal wieder den einen oder anderen, der sich ihrer Meinung anschloss.

Sie war nicht mehr eine enttäuschte Einzelperson, die sich ins Private flüchtete. Sie versuchte, Verantwortung zu übernehmen – für sich, ihr Leben und auch für andere.
Nach wie vor wusste sie, dass es kein Paradies auf Erden gibt. Aber dennoch trug sie eine Vision in sich, dass jeder Einfluss hat auf das Schicksal aller. Und sie wusste, dass es noch ein langer Lernprozess sein würde für die Menschheit, bis diese mit der Freiheit verantwortungsbewusst umgehen würde. Es galt, einen winzigen Spalt der verschlossenen Tür zu öffnen.

 

Epilog: Irgendwo in unserem unendlichen Universum

Der Sand ist durch das Stundenglas gerieselt.

Sinnend betrachtet er den momentanen Stillstand. Auf einmal ist die Erkenntnis so stark, dass seine Hand leicht zittert.

Nein, Hoffnung ist noch nicht verloren. So lange noch eine Blume blüht, so lange noch ein Stern erstrahlt, der Silbermond am Himmel scheint, so lange Kinderlachen tönt und die dunkle Nacht einem Morgen weicht, besteht diese Hoffnung.
Er weiß: Dieser Weg wird kein leichter sein. Aber er weiß auch, dass es Menschen gibt, die diesen Weg beschreiten werden.
Er kippt das Glas, lächelt und flüstert leise: Vielleicht....

 


 

aus: Quelle:

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