Ein Kästchen voller Leben

April 2011


Fest grub sie ihre Zehen in den Sand. Sie wollte sich spüren und gleichzeitig Halt finden. Das war nicht einfach, denn eine sanfte Welle spülte den Halt unter ihren Füßen mit Leichtigkeit fort. Sie ließ den Blick in die Ferne wandern. Weit draußen auf dem Wasser streckten einige Segelboote ihre Masten herausfordernd frech in das Blau des Himmels. Die Sonne zauberte glitzernde Lichtpunkte auf den scheinbar endlosen Wasserteppich. Das Funkeln ließ sie die Augen für einen Moment schließen. Ins Dunkle flüchten, sich vergraben, diese strahlende Schönheit des Tages nicht wahrnehmen müssen. Dabei war sie hierher an den geliebten Ort gekommen, um endlich Frieden zu finden, die Schwere ihrer quälenden Gedanken abzulegen, und sei es nur für kurze Zeit.

Die Wirklichkeit würde sie einholen – so oder so.

 

Als sie die schreckliche Diagnose ihrer Krankheit schonungslos serviert bekommen hatte, war sie wie in Trance gewesen. Gleich einer Marionette agierte sie. Hirntumor, inoperabel, das klang so banal. Ärzte, Klinik, dann die erste harte Therapie. Beinahe willenlos nahm sie alles hin. Als man ihr mitteilte, dass weder Chemo noch Bestrahlung bislang Erfolg gehabt hätten, erwachte sie aus ihrer Trance.

Wut, die spürte sie zuerst, maßlos, nagend. Warum gehorchte ihr Körper nicht? Dann kam die Verzweiflung und schließlich - schlimmer – die Resignation. Sie war hierher ans Meer gefahren, an den Ort, wo sie schon immer hatte Kraft tanken können.

 

Als sie die Augen wieder öffnete und den Kopf leicht drehte, erblickte sie einen alten Mann, der langsamen Schrittes auf sie zukam. Er schaute aufs Meer. Ab und an blieb er stehen. Es hatte nicht den Anschein, als müsse er ausruhen, viel eher, als wolle er innehalten, um zu genießen. Als er auf ihrer Höhe war, hielt er abermals an, blickte auf sie herab. „Ist das nicht ein wundervoller Tag heute?“

Sie war nicht in der Stimmung, Small Talk zu machen. Aber irgendetwas in seiner Haltung veranlasste sie zu antworten. Während sie sprach, war sie erstaunt über ihre Worte.

„Sie mögen diesen Tag als herrlich empfinden. Für mich ist er zu hell.“
Sie stand auf, empfand es plötzlich als unhöflich im Sand zu sitzen und zu ihm aufzuschauen. Jetzt, auf Augenhöhe, sah sie, dass sein Gesicht von zahlreichen Runzeln durchzogen war, gebräunt, so als sei er viel draußen. Strahlendblaue Augen blickten sie an. War es Mitleid, das sie in seinem Blick las? Nein, eher Sorge.

„Gibt es das?“, fragte er. „Zu helle Tage? Vielleicht ist es so, dass das Licht schmerzt, wenn man aus dem Dunkeln kommt.“

„Da mögen Sie recht haben“, antwortete sie zögernd. „Aber ich bin keine gute Gesellschaft, ich möchte Ihnen nicht diesen schönen Tag verderben.“ Er lächelte leicht und öffnete seine Hand.

„Schauen Sie, das habe ich gefunden. Solche Exemplare sind sogar hier eine Seltenheit.“
Sie erblickte eine wunderbare Schneckenmuschel, filigran, perlmuttüberzogen mit bläulichem Schimmer.

Nun lächelte auch sie. „Das ist wirklich wunderschön“, flüsterte sie und strich leicht mit ihren Fingern über die Muschel.

„Ich werde sie meiner Tochter mitbringen“, sagte der Alte. „Haben Sie Lust, mit mir eine Tasse Tee zu trinken? Fiete macht einfach den Besten.“
Er streckte den Arm aus und wies die Dünen hinauf. „Aber ich habe mich noch nicht vorgestellt“, fuhr er fort. „Ich bin Lars Svenson“. Er machte eine kleine Verbeugung. Sie lächelte zum zweiten Mal an diesem Tag und wunderte sich darüber.

„Ich bin Carla, Carla Erichson. Ich komme aus München. Das heißt, ich lebe dort. Ursprünglich bin ich ein Kind der Küste.“

Er nickte, drehte sich um und ging den Strand hinauf Richtung Düne. Carla folgte ihm wie selbstverständlich. Obwohl es erst April war, konnten sie draußen sitzen. Die Sonne schien ungewöhnlich warm.

Beide bestellten sie den Ostfriesentee, Lars mit einer Portion Rum.

Carla war erstaunt, wie leicht ihr die Unterhaltung mit dem alten Mann fiel. Sie sprachen über Gott und die Welt. Sie erzählte von ihrer Arbeit als Architektin, von ihrer Tochter, die Medizin studierte und wie schwer es gewesen war, als Alleinerziehende der Mutter- und der Berufsrolle gerecht zu werden. Lars konnte das gut verstehen. Auch seine Tochter hatte ihren Sohn allein betreuen und erziehen müssen.

„Ist Ihnen nicht zu warm mit der Wollmütze?“, fragte er plötzlich. Er hatte seine Kappe schon längst abgesetzt. Carla erstarrte. Ein Kaleidoskop von Bildern flimmerte vor ihren Augen. Die verzweifelten Momente, als sie vor dem Spiegel gestanden war, ein dickes Haarbüschel in der Bürste, als sie hatte zusehen müssen, wie ihre Haare dünner und weniger geworden waren, was die Kopfhaut mehr und mehr durchschimmern ließ. Eines Tages hatte sie voller Zorn alle Haare ausgekämmt, ja praktisch herausgerissen, was sich noch gesträubt hatte und dann ihren Kopf völlig kahl rasiert. Anschließend war sie in Tränen ausgebrochen.

Die Haare waren weg, die Chemo sinnlos. Von dem Tag an hatte Carla eine Wollmütze getragen. Inzwischen waren die ersten Haare wieder am Sprießen, heller als vorher. Oder schien es ihr nur, weil sie noch so dünn waren? Auf jeden Fall sah sie aus wie ein gerupftes Hühnchen. Sie wollte auf die Frage von Lars schon den Kopf schütteln, das „Nein“ lag ihr auf den Lippen. Doch dann – sie wusste nicht, warum – zog sie langsam die Mütze vom Kopf, ließ die Hand in ihrem Schoß liegen und senkte den Blick.

Beklemmendes Schweigen, dann legte Lars seine schwielige Hand auf Carlas Arm.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Das wusste ich nicht. „Eine Krankheit? Möchten Sie darüber reden?“ „Es ist ein Gehirntumor, inoperabel“. Hatte sie es wirklich ausgesprochen? Einem beinahe Fremden gegenüber? Carla schaute auf, blickte in diese tiefblauen Augen, die in dem gebräunten Gesicht leuchteten. In diesen Augen lag ein tiefes Wissen um das Leben, auch um das Leid. Und sie begann zu erzählen. Er hörte zu, aufmerksam, anteilnehmend.

Als sie am Ende war und die Sinnlosigkeit ihres Lebens darlegte, widersprach er nicht.
„Wie lange haben Sie vor hierzubleiben?“, fragte er stattdessen.

„Ich weiß nicht“, meinte Carla. „Ich möchte ein wenig zurückgehen auf meinen Spuren. Meine Wurzeln finden.“

„Darf ich Sie ein wenig begleiten dabei?“, fragte Lars und erhob sich mühsam.

„Die alten Knochen machen sich immer mehr bemerkbar. Sie haben auch viel ausgehalten in meinem Leben“, meinte er und verzog spöttisch das Gesicht.

Die Sonne stand tief am Horizont. Der Wind hatte aufgefrischt, und es war kühler geworden. Carla fröstelte. Ein Stück weit gingen Lars und sie noch gemeinsam am Strand entlang. Dann trennten sie sich. In dieser Nacht schlief Carla zum ersten Mal seit Wochen traumlos durch.

 

Sie trafen sich jeden Tag, meist am Wasser vor den Dünen, wo sie zusammen ein Stück liefen, um später gemeinsam Tee zu trinken. Einmal, als es regnete, kamen beide wie selbstverständlich zu Fiete.

Gespräche wechselten mit Schweigen. Carla konnte in seiner Gegenwart ihren Gedanken nachhängen, ohne das Gefühl zu haben, dabei verrückt zu werden. Lars erzählte von seinem Leben, von den Höhen und Tiefen, und Carla erfuhr, dass es nicht wenige Abgründe gewesen waren. Seine Frau war früh gestorben, und er hatte seine Tochter von da an allein großgezogen. Damals, in seinem Schmerz, war er oft am Strand entlanggegangen, hatte daran gedacht, seinem Leben ein Ende zu machen. Doch da war das Kind. Eines Tages, so berichtete Lars, hatte er einen besonders schönen, fast runden Kiesel gefunden.
„Er war schneeweiß und glatt, als sei er besonders geschliffen“, sagte er. „Ich nahm ihn mit, diesen Stein, hielt ihn in der Hand, und er fühlte sich gut an, schwer und sicher.“
Er sei weitergelaufen, und wenige Minuten später habe er eine graublaue Feder zwischen den Felsen entdeckt. Es sei ihm unmöglich gewesen, festzustellen, von welchem Vogel diese Feder stammte. „Auch sie habe ich mitgenommen an diesem Tag, Carla. Sie war wunderschön, wie der Stein, aber so leicht. Hätte ich sie auf meine Hand gelegt, der Wind hätte sie davongetragen.“

„Was ist mit dem Stein und der Feder passiert“, fragte Carla, die fasziniert zugehört hatte und neugierig war.

„Ich habe beide gehütet wie einen Schatz, sie waren mir Symbole für das Leben. Der Stein für die Erdgebundenheit, die Feder für das Leichte der Seele und die Gedanken. Es mag seltsam klingen, von diesem Tag an ging es vorwärts in meinem Leben. Allerdings sind es nur Symbole. Leben wollen muss man schon selbst.“

Er hielt kurz inne, schaute in den Himmel, wo die Wolken dahinjagten und immer wieder ein Stück Blau sichtbar werden ließen.
„Dann kam der Tag, an dem ich beides meiner Tochter schenkte. Ich brauchte sie nicht mehr, diesen Stein und die Feder, aber Anna umso mehr.“
Er erzählte die traurige Geschichte von Annas kleinem Sohn Janis, der auf dem Schulweg, als er bei Grün die Straße überquert hatte, von einem Auto erfasst worden und gestorben war.
Carla schossen die Tränen in die Augen.
 „Ja Carla“, seufzte Lars. „Das Leben ist manchmal grausam und wir hadern. Vieles können wir nicht verstehen und wollen es doch so gern. Aber das Leben ist ein Geschenk. Wir dürfen es nicht aufgeben, wenn es schwierig ist.“
Carla wollte einwerfen, dass sie so ein Geschenk nicht wolle und brauche, aber Lars sprach bereits weiter.
„Anna hat den Stein und die Feder sorgsam aufbewahrt. Es sind viele Jahre vergangen. In ihrer Erinnerung – und auch in meiner – ist Janis immer noch gegenwärtig. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an ihn denken. Dennoch hat Anna ein gutes starkes Leben, und sie ist dankbar dafür.“ Lars blieb stehen, griff sich an die Brust und holte tief Luft. Carla erschrak.
„Haben Sie Schmerzen? Ist alles in Ordnung?“

„Es geht schon“, meinte er, nahm ihren Arm und ging weiter. „Das Alter zeigt mir manchmal, dass es da ist.“

 

Am nächsten Tag kam Lars nicht an den Strand. Auch bei Fiete war er nicht, und Carla fühlte sich verlassen. Mehr als die Tage zuvor spürte sie ihre Verzweiflung. War ihr Leben zu Ende? Wie viel Zeit würde ihr bleiben? Würde sie leiden müssen?

Und wie so oft kam die Wut hoch. Verdammt, sie wollte nicht sterben. Sie war zu jung. „Ich war noch niemals in New York“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen und in ihrem Kopf hörte sie die Melodie des Liedes.

In dieser Nacht kam auch der Traum wieder.

 

Zwei riesige Fäuste strecken sich ihr entgegen und sie muss sich entscheiden, welche sich öffnen soll. Welche Faust sie auch wählt, immer liegen glühende Holzscheite, die auf der Hand verbrennen. Den Schmerz spürt sie körperlich. Dann die Stimme: „Keine gute Wahl!“ Die andere Faust öffnet sich und darin liegt ein funkelnder Diamant. Die Bilder verblassen, und Carla hört ein hämisches Gelächter.
 

Dieser Traum begleitete sie eine geraume Weile in unterschiedlichen Variationen. Immer wählte sie die falsche Faust. Sagte ihr der Traum, dass sie keine Chance mehr habe? Oder dass sie Entscheidungen treffen solle?

Jedes Mal wachte sie schweißgebadet mit klopfendem Herzen auf.

Hier am Meer hatte sie den Traum nicht geträumt, seit sie Lars kannte. Nun war er einen Tag nicht erschienen, und Carla war wieder in den alten Mustern gefangen.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, sah sie Lars wieder den Strand entlangwandern. Es kam Carla vor, als ginge er leichteren Schrittes. Kurz bevor er sie erreichte, winkte er ihr zu. Etwas verdutzt erhob sie sich von dem Felsen, auf dem sie gesessen hatte und lief zu ihm. Er sagte nichts, schaute sie nur an.

„Was ist?“, fragte sie. “Alles in Ordnung? Wo waren Sie gestern? Ich habe Sie vermisst.“

Er nickte. „Ich weiß“, meinte er. „Es tut mir leid, dass ich nicht Bescheid gesagt habe. Ich musste packen und einiges zu Hause regeln. Ich gehe für ein paar Tage ins Krankenhaus...oh nein, keine Sorge, nur eine Untersuchung. Man will mein Herz prüfen.“

Carla war erleichtert und auch ein wenig enttäuscht. Die Tage mit Lars waren einfach wunderbar gewesen.
„Das ist wichtig“, sagte sie zu ihm, “dass Sie sich untersuchen lassen. Vielleicht bin ich noch hier, wenn Sie wiederkommen.“

„Ich wollte mich wenigstens von Ihnen verabschieden“, sagte Lars. „Und nun muss ich gehen“.

„Schon?“, fragte Carla traurig. „Dann wünsche ich Ihnen alles Gute“.

Lars nahm ihre Hand. Carla empfand sie als viel weniger runzlig und rau, aber seltsam kalt. Es war ein kurzer, flüchtiger Händedruck, dann löste er seine Hand aus ihrer. Er drehte sich um, und über die Schulter rief er ihr zu: „Tragen Sie keine Mütze, wenn es warm genug ist. Sie brauchen das nicht.“

Carla empfand eine Mischung aus seltsamer Unruhe und schwerer Trägheit. Nach wie vor ging sie zum Strand, verbrachte lange Zeit in den Dünen, wo es windgeschützt war. Meistens trieb sie nur die Kälte in ihre Pension zurück. Die Mütze hatte sie in den Koffer gepackt. Sie konnte sich jedoch nicht aufraffen, zu Fiete in die Teestube zu gehen. Am Strand begegnete sie wenigen Menschen. Es war zu früh im Jahr, um hier Urlaub zu machen.


Am dritten Tag nachdem Lars sich von ihr verabschiedet hatte, kam plötzlich eine Frau auf sie zu. Sie war groß, schlank, lief mit weit ausholenden Schritten zielsicher zu dem Felsen, auf dem Carla wie gewohnt saß. Etwa einen Meter vor ihr blieb sie stehen. Carla schaute verwundert. Was wollte die Frau? Sie war nur wenig älter als sie.

„Sie sind Carla, nicht wahr?“, meinte sie. Carla stand auf, irritiert und sofort beunruhigt.
„Ich bin Anna“, sagte die Frau. „Die Tochter von Lars. Er hat mich zu Ihnen geschickt.“

Erschrocken rief Carla: „Was ist mit ihm? Die Untersuchung...“ Sie stockte.

„Es tut mir leid“, meinte Anna leise. „Mein Vater ist Samstagnacht gestorben. Herzinfarkt.“

 

Carla bekam plötzlich keine Luft mehr. Ihr Gesichtsfeld verengte sich. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. „Carla! Was ist? Hören Sie mich?“ Wie aus weiter Ferne drang Annas Stimme zu ihr durch, und ihre Umgebung nahm langsam wieder Kontur an. Carla ließ sich in den Sand fallen.
„Aber...das kann nicht sein...ich habe...er war...“, stammelte sie.

Anna setzte sich neben sie.
„Es ist bestimmt ein Schock für Sie“, meinte sie. „Mein Vater hat mir so viel von Ihnen erzählt. Es war für ihn eine große Freude, mit Ihnen zu reden in diesen Tagen.“

„Aber er war Sonntag hier, um sich zu verabschieden“, meinte Carla fassungslos. „Er musste doch ins Krankenhaus.“
Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. Anna legte ihr die Hand auf den Rücken. „Sie müssen sich irren, Carla“, sagte sie. „Mein Vater hätte längst zu einer gründlichen Untersuchung ins Krankenhaus gehört. Wie habe ich auf ihn eingeredet. Aber er wollte nicht.“ 
Carla hob den Kopf und sah, dass in Annas Augen Tränen standen.
„Er bat mich, Ihnen etwas zu schenken“, sagte Anna und schluckte. Sie zog ein Kästchen aus der Manteltasche. Es war aus Holz, mit kleinen Muscheln besetzt. Sie reichte es Carla.
„Es war meinem Vater sehr wichtig, dass ich es Ihnen gebe. Das hat er mir am Samstag im Krankenhaus gesagt, als er noch bei Bewusstsein war.“

Carla starrte das Kästchen an. Sie war völlig verwirrt, konnte nicht begreifen, was geschehen war.
„Öffnen Sie es ruhig“, sagte Anna. Zögernd hob Carla den Deckel des Kästchens hoch und erstarrte. Darin lagen ein runder, glatter, beinahe schneeweißer Kieselstein und eine blaugraue Feder.
„Das kann ich nicht annehmen“, sagte Carla und wollte Anna das Kästchen zurückgeben. “Ihr Vater hat mir davon erzählt, von der Bedeutung des Steines und der Feder. Sie brauchen beides doch jetzt so notwendig.“

Anna schüttelte den Kopf.
„Nein, ich brauche sie nicht mehr, auch jetzt nicht. Mein Vater war 88 Jahre alt und herzkrank, er hatte ein gutes Leben und jetzt einen gnädigen Tod ohne langes Leiden. Es ist doch etwas Wunderbares, bis zuletzt wachen Geistes zu sein und von der Hilfe anderer unabhängig. Ich bin traurig, ja. Ich werde ihn unendlich vermissen, aber ich habe keinen Grund am Leben zu verzweifeln, so wie damals, als Janis starb. Ich denke, mein Vater hat recht. Sie brauchen Beides nötiger.“

Carla fuhr sanft mit dem Finger über den Stein.
„Für die Kraft der Erde“, murmelte sie. Dann berührte sie die Feder. „Und die Leichtigkeit der Seele...“

Sie schaute Anna an. „Das ist ein wunderbares Geschenk. Danke!“, sagte sie leise.

Die beiden Frauen blieben noch eine Weile sitzen. Irgendwann erhob sich Anna, legte Carla noch die Hand auf die Schulter und sagte: „Es ist schön, dass Sie keine Mütze mehr tragen.“ Dann ging sie davon.

Carla saß im Sand und schaute aufs Meer. Die Sonne malte ihre leuchtenden Lichtreflexe aufs Wasser. Am Horizont kündete ein roter Streifen, dass sie bald versinken würde, dort, wo Wasser und Himmel sich berühren. Möwen schrien dem sterbenden Nachmittag entgegen und warfen sich in immer neuen Flugkünsten gegen den Wind.

„Kraft und Leichtigkeit“, murmelte Carla und dann endlich kamen die erlösenden Tränen.

 

März 2012

 

Lockeren Schrittes rannte Carla am Strand entlang. Es war noch kühl in diesem Jahr. Der Winter hatte einem ersten Frühlingsahnen Platz gemacht. Die Sonne traute sich immer öfter hervor. Es schien jedoch, als könne der Winter sich nicht entscheiden endgültig zu verschwinden.

„Komm Ronja!“, rief Carla, und ihre Labradorhündin setzte in wilden übermütigen Sprüngen hinterher.

Sie hatte sich Ronja vor acht Monaten aus dem Tierheim geholt. Die Hündin war ihre treue Begleiterin geworden. Nur wenn Carla zur Therapie in die Klinik musste, blieb Ronja bei ihrer Tochter.

Carla lief leichtfüßig und freute sich über ihre eigene Kraft. Endlich war sie beim Felsen angelangt und ließ sich in den Sand fallen. Ronja tobte um sie herum. Nach ein paar Minuten, in denen sie wieder zu Atem kam und ihren Gedanken nachhängte, zog Carla ein Kästchen aus der Jackentasche. Es war aus Holz und mit kleinen Muscheln besetzt. Zuerst nahm sie den Stein heraus, rollte ihn in der Hand einige Male hin und her, spürte die glatte Fläche. Dann holte sie aus und warf den Kiesel ins Meer, so weit sie konnte. Als er auf die Wasseroberfläche traf, spritzen winzige Tropfen nach allen Seiten und glitzerten im Sonnenlicht. Vorsichtig nahm Carla die Feder aus dem Kästchen, strich zart darüber, wie sie es in den letzten Monaten so oft getan hatte. Dann legte sie das zarte Gebilde auf ihre Handfläche und hielt diese hoch, dem Wind entgegen. Leicht wurde die Feder emporgehoben, landete noch einmal kurz auf Carlas Hand und wirbelte dann durch die Luft. Ronja wollte hochspringen und nur ein scharfes Nein von Carla hielt sie davon ab. So schaute sie, wie Carla, der Feder hinterher, die sich aufs Wasser legte und auf den Wellen schaukelte.

„Danke Lars“, flüsterte Carla. „Ich spüre die Kraft der Erde wie nie zuvor, und meine Seele fühlt sich leicht an.“
Sie schüttelte die Locken, die zwar kurz noch, aber dicht und wild ihr Gesicht umrahmten. Das Kästchen steckte sie in die Jackentasche. Sie würde es mit neuen Lebenssymbolen füllen, denn leben wollte sie, und sie würde kämpfen.

 „Komm Ronja!“, sagte sie. „Es ist Zeit, Zeit zu leben“.

© Enya Kummer