Das Versprechen                   


Seufzend nimmt Greta die beiden abgestellten Einkaufstaschen wieder auf und schlurft zur Treppe. Sie ist ärgerlich. Zum dritten Mal in dieser Woche funktioniert der Aufzug nicht. Warum, überlegt sie, trifft es sie immer dann, wenn die Situation denkbar ungünstig ist? Aber gibt es überhaupt günstige Situationen für Missgeschicke? Das ist Unsinn, das weiß Greta. Sie hetzt keuchend die Treppe hinauf. Mit ihren 55 Jahren und zwei schweren Taschen ist das nicht bloß eine leichte körperliche Ertüchtigungsübung. Ich bin außer Form, denkt sie. Die letzten Jahre hat sie sich wenig um ihren Körper oder gar ihr Wohlbefinden gekümmert. Das ist jetzt die Quittung. Sie schafft es kaum in den dritten Stock, ohne völlig außer Atem zu geraten. Oben nimmt sie die Taschen in eine Hand und fingert nach den Schlüsseln. Endlich in der Wohnung geht sie in die Küche, dort lässt sie die Taschen achtlos auf den Boden fallen und sich auf den Küchenstuhl.
Nur zwei Minuten, sagt sie sich. Die darf sie sich doch gönnen.
Er wartet den ganzen Vormittag, da wird es auf die kleine Zeitspanne nicht ankommen. Greta muss erst Atem schöpfen, die düsteren Gedanken aus ihrem Kopf verbannen, bis sie die Kraft finden wird, ihm zu begegnen.
Arne, der seit fast einem Jahr wie ein Stück Holz im Bett liegt und dahinvegetiert. Arne, der mit ihr nur noch durch die Augen kommunizieren kann, was er aber selten macht. Ein wenig vermag er den Kopf zu bewegen, vor allem nach links, daher hat Greta das Bett auch so ausgerichtet, dass er zum Fenster blickt, wenn er den Kopf dreht. Die Erinnerung holt sie so plötzlich ein, dass es ihr fast den Atem nimmt. Schonungslos, ohne Erbarmen, fahren die Bilder zeitraffergleich durch ihr Bewusstsein, gewinnen an Kontur, tauchen auf, verschwinden wieder. Ein Film, in dem sie eine Hauptrolle spielt und zugleich Statistin ist.

Das Unglück hatte sie unmittelbar und unerwartet ereilt, ihre kleine Welt war ohne Vorwarnung aus den Fugen geraten. Aber das ist das Charakteristische an Unglücken. Man kann sich nicht auf sie vorbereiten.
Nach dem Schlaganfall folgten ein langer Klinikaufenthalt und eine spezielle Reha, wo man noch hoffte und glaubte, es könne sich etwas ändern. Dann die bittere Wahrheit: Da gab es nicht viel, eigentlich gar nichts. Arne konnte sich nicht mehr bewegen, bis auf die Augen, ein sachtes Zucken mit dem Mundwinkel, das höhnisch wirkte und das Drehen des Kopfes in eine Richtung. Die Frage, die sich stellte, ließ Greta nicht zu. Für sie war es selbstverständlich, ihren Mann zu Hause zu pflegen. In der ersten Zeit hatte sie zum Eingewöhnen ihren Jahresurlaub genommen.
Es gab viel zu organisieren. Irgendwann folgte alles einer beinahe lähmenden, aber aufreibenden Routine. Die Pflegekraft kam morgens und abends. Greta war es somit zumindest möglich, halbtags arbeiten zu gehen. Ihre Aufgabenbereiche im Verlag, in dem sie als Lektorin wirkte, wurden entsprechend gekürzt, das Geld natürlich auch. Man musste sich einschränken, aber so schwierig war das nicht, denn es gab kaum noch Bedürfnisse, die zu befriedigen waren. Mit ihrer langjährigen Erfahrung hatte Greta es auch geschafft, einige Aufträge privat an Land zu ziehen, die sie zu Hause bearbeiten konnte. Aber dennoch rieb sie sich auf, der psychische Druck war ungleich größer als alles andere und wurde mit dem Alter immer schwerer.

Arne und sie hatten sich auseinander gelebt, und sie fragte, ob sie jemals zusammen gewesen waren, ob das Leben nicht nur aus einem Nebeneinander bestanden hatte. Finanzielle Sicherheit, eine schöne Eigentumswohnung, ein kleines Wochenendhäuschen, ein Boot, das war die Summe des Erreichten. Stephan, der Sohn, hatte sein Studium erfolgreich beendet, war Anwalt in einer angesehen Kanzlei, und das Leben plätscherte im Gleichmaß dahin.
Greta war es gewesen, die merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie spürte zunehmend eine große Einsamkeit, die immer dann am stärksten auftrat, wenn sie mit Arne zusammen war. Paradox. Das ging so weit, dass sie die Wochenenden kaum noch erträglich fand. Die Sprachlosigkeit, das spärliche Reden über die Organisation des Alltags – warum nur hatte das alles einen so hohen Stellenwert? Es gab kaum Berührungspunkte, selten Gespräche, bei denen es einmal um sie beide ging. Sex war eine seltene Routine geworden, und hierbei spielten Erotik oder gar Zärtlichkeiten keine Rolle. Warum waren sie überhaupt noch zusammen? Weil sie sich einmal dieses Versprechen gegeben hatten? Zusammen alt zu werden, immer für den anderen da zu sein? Was auch kommen mag? Einmal hatte Arne zu ihr gesagt: „Wenn ich vor dir gehen muss, dann sieh zu, dass du das erhältst, was wir uns geschaffen haben!" Ein Befehl, eine Selbstverständlichkeit. Greta hatte genickt und somit ihr Versprechen gegeben, die nötigen Worte hatte sie nicht sagen können. Dazu hatte ihr wieder einmal der Mut gefehlt.

Irgendwann kam Greta der Gedanke, sich von Arme zu trennen. Er keimte langsam in ihrem Kopf, begann Wurzeln zu schlagen und wuchs. Auf einem Kongress lernte sie Helge kennen. Nach einem anstrengenden Tag trafen sie sich zu einem Drink an der Bar, kamen ins Gespräch. Doch es blieb nicht beim Reden. Es gab weitere Treffen, von denen Arne nichts merkte. Er war damit beschäftigt, sein Offizierspatent zu erwerben und da interessierte ihn nichts anderes, am wenigsten Greta.
Dann der Abend, als Helge plötzlich sagte: „Komm mit mir, Greta. Ich möchte mit dir leben.“ In ihrem Kopf zeichnete sich immer deutlicher ein JA ab, und schließlich war sie fest entschlossen, alles hinter sich zu lassen. Doch bevor sie mit Arne darüber sprechen konnte, schlug das Schicksal seine Faust in ihr Leben und in Gretas Plan. Ohne jede Frage waren alle Trennungsgedanken verscheucht, vergraben. Greta nahm das neue Leben an. Jegliches anderes Denken wäre Verschwendung gewesen, hätte Energie geraubt und zu nichts geführt.

Jetzt sitzt Greta am Küchentisch, und die Gedanken spulen vor ihr ab.
Heute früh ist alles wieder schief gegangen. Die Pflegekraft hat wegen eines Notfalls abgesagt, sie würde mittags vorbeischauen, was Greta aber abgelehnt hat. Die Zeit drängt, ausgerechnet jetzt gibt es einen wichtigen Termin im Verlag, den sie nicht absagen kann. Sie geht zu Arne, dessen Krankenbett sie vor drei Monaten aus dem Schlafzimmer in das kleinere Arbeitszimmer verbannt hat, da es ihr den Schlaf raubt, ihn neben sich zu wissen. Ihre Schuldgefühle verdrängt sie meisterhaft. Heute früh hat Arne wie immer reglos mit offenen Augen im Bett gelegen.
Greta ist manchmal so wütend auf ihn, weil er ihr oft nicht einmal die spärlichen Reaktionen gönnt, deren er fähig ist. An seiner Sturheit hat sich nichts geändert. Gelegentlich drückt er sein Missfallen durch entsprechende Blicke aus, aber auch das geschieht immer seltener. Greta spricht immer mit Arne, sie will nicht der Sprachlosigkeit Raum geben, die sich zwischen ihnen so mächtig breit gemacht hat in den Jahren. So erklärte sie ihm auch am Morgen die Sachlage, bat um Verzeihung, dass sie es nicht mehr schaffte, ihn zu waschen. Der Versuch, ihn zum Essen zu bewegen, scheiterte wie gewöhnlich. Diese mühsame Prozedur ist der Schwester vorbehalten. Greta trat an Arnes Bett, legte ihre Hand auf seine, die wie immer kalt war, und fragte, ob sie den Fernsehapparat anschalten solle. Er reagierte nicht. So war sie noch ein Weilchen stehen geblieben, hatte ihren Blick über die Bettdecke schweifen lassen und war dann aus dem Haus geeilt.

Und nun soll sie sich aufraffen und zu ihm hineingehen. An ihren Füßen kleben Bleiklumpen, jeder Schritt begleitet von einem inneren Seufzer.
Im Zimmer ist es dämmerig, fahles Herbstlicht dringt durch die zugezogenen Vorhänge. Die Luft ist stickig, und Greta überlegt, das Fenster zu öffnen. Doch dann müsste sie die Gardinen aufziehen und den wallenden Nebel, der alles zudeckt, ins Zimmer lassen. Und sie will nicht zudecken, nicht mehr. Mit dem Finger zieht sie Streifen in die Staubschicht auf der Kommode, einen nach dem anderen, parallel verlaufende Linien. Wie mein Leben mit Arne, denkt sie, nebeneinander in getrennten Spuren. Plötzlich durchkreuzt sie die Linien mit einem energischen Wisch ihres Zeigefingers.

„So hätte es sein sollen, Arne, hörst du!“ Hat sie laut gedacht und diese Worte gesagt?
Greta hebt den Kopf, sieht Arne an, der die Augen zum Fenster gerichtet hat.
Sie holt eine Schüssel mit Wasser, Waschlappen und Handtücher. Dann setzt sie sich zu ihm aufs Bett und beginnt vorsichtig und sorgsam, ja fast zärtlich, ihn zu waschen.
„Wo sind all die Jahre hin, Arne?“, fragt sie. „Unsere Jugend, unsere Träume? Was ist falsch gelaufen?“ Sie würde keine Antwort bekommen, aber sie muss diese Fragen stellen, einmal will sie fragen. Plötzlich kommt ein bislang verschlossenes Stück Wut hervor, es kriecht unbarmherzig aus dem Bauch in Gretas Herz, und dann formt es sich zu Worten.

„Wo bin ich geblieben, Arne? Du hast dein Leben gelebt, bis vor einem Jahr jedenfalls, nein, du brauchst nicht abwimmeln, es war dein Leben, das du zu unserem gemacht hast. Ich sage, wo es langgeht, du folgst, und alles ist gut. Ist das deine Philosophie gewesen? Dein Credo? Es gab nie eine Frage, ob das richtig sei oder falsch. Du hast es einfach alles gemacht, initiiert. Warum nur habe ich das zugelassen? Du hast mir keinen Raum gegeben, all das, was in mir war, ist verschüttet. Ich kann es nicht mehr finden, ich kann mich nicht mehr finden ... Und nun ist es zu spät. Warum nur habe ich keine Gelegenheit, die sich mir bot, genutzt?“
Aufschluchzend lässt Greta den Waschlappen sinken. Wenn er jetzt doch wenigstens eine seiner ironischen Bemerkungen machen könnte oder sie milde lächelnd darauf hinweisen, dass alles nur zu ihrer aller Besten geschehen sei. Dieses Nichts, diese Stumpfheit, sie wird daran zerbrechen.

Greta steht auf. Mechanisch räumt sie die Wasserschüssel und die Handtücher beiseite. Mit einem Kamm fährt sie ihrem Mann durch die Haare, die mal wieder geschnitten werden müssen. Er will sie nicht anschauen, das ist klar. Sie geht zur anderen Seite des Bettes, sein Gesicht liegt im Halbschatten, seine Augen scheinen ihrem Blick auszuweichen.

„Arne, ich fahre jetzt zum Bootshaus. Nein! Sag nichts, ich weiß, dass es bei diesem Nebel nicht vernünftig ist, auf den See hinauszufahren. Ich will aber schauen, ob das Boot in Ordnung ist. Wenn nicht, muss ich Stephan bitten, es sich mal anzusehen. Du wirst mich heute nicht abhalten, ich werde gehen, ja gehen.“
Sie streicht ihm über die Wange, eine Geste, die sie lange nicht gewagt hat.
„Mach dir keine Sorgen.“

Sie wendet sich zum Fenster, zieht den Vorhang auf. Graues Licht erfüllt den düsteren Raum. Durch den Nebel kann man die Bäume des gegenüberliegenden Parks gerade noch sehen, fast kahle Äste, einige Blätter segeln sacht durch die Nebelwand zu Boden.

Greta verlässt das Zimmer, dann die Wohnung. Mit dem Bus fährt sie zum See hinaus und denkt an die vielen Sommer, die sie dort verbracht hat, vor allem an jenen, als sie Arne kennen lernte, und ihre Jugend Freiheit und Sorglosigkeit verhieß ... dann an die Zeiten mit Arne und Stephan, in denen sie die Grenzen der Freiheit spürte, Unbeschwertes wurde von kleinen Sorgen des Alltags durchkreuzt. Sie denkt an den Gleichklang all der Wochenenden, zu denen es keine Alternative gab.
Falsch, überlegt Greta. Es boten sich Gelegenheiten, herauszutreten aus der Routine, nur sie war zu schwach gewesen oder zu bequem, um Veränderungen herbeizuführen.

Das Schloss zum Bootshaus ist verrostet, es klemmt zunächst, die Tür lässt sich nur schwer öffnen, als wolle sie Greta den Zugang zu ihrem eigenen Entschluss verwehren.
Es bereitet ihr große Mühe, das Boot zu Wasser zu lassen, das hat immer Arne gemacht. Greta versucht gar nicht erst, den Motor anzulassen, sie nimmt die Ruder und entfernt sich einige Meter vom Ufer. Kein Mensch ist zu sehen, nur dieses Grau der wallenden Nebelschwaden, welche die kleinen Wochenendhäuser am Ufer einhüllen. Nach einigen Metern hört Greta auf zu rudern. Sie holt ihr Handy aus der Tasche. Bedächtig schreibt sie eine SMS an ihren Sohn. Anschließend wählt sie die Notrufnummer und spricht ihre Nachricht klar und deutlich, es ist wichtig, dass sie am anderen Ende verstanden wird. Danach löscht sie alle Nachrichten und wirft das Handy in den See. Energisch packt sie die Ruder, und das Boot schießt vorwärts.



Anhang

Langenberg, Polizeibericht, 03.11.20...
Gelähmter Mann tot in Wohnung gefunden

Langenberg/ Kreis O. (ots)

Gestern, am 02. 11....gegen 17:30 Uhr wurde Herr M. tot in seiner Wohnung aufgefunden. Zuvor war ein anonymer Hinweis eingegangen. Herr M., seit einem Jahr durch einen Schlaganfall vollständig gelähmt, war seit mindestens 18 Stunden tot. Die Polizei fahndet nach seiner Ehefrau Greta M., die als vermisst gilt. Als letztes Lebenszeichen hatte ihr Sohn Stephan M. gestern von ihr eine Handy-Nachricht bekommen. Der Inhalt ist der Polizei bekannt.


 

Stephan sitzt in der Wohnung seiner Eltern und liest die Nachricht bestimmt zum zehnten Mal und immer noch hat sie ihn innerlich nicht erreicht.

„Ich habe ihm etwas versprochen, aber ich kann dieses Versprechen nicht halten. Ich werde leben. Aber es wird mein Leben sein, irgendwo ... Bitte verzeih."