„...und bedenke: Die Sonne mit ihrem Licht erfüllt dich genauso wie das Grau des Regens oder die Schwärze der Nacht. Alles trägst du in und mit dir und wirst es immer neu erleben. Auch wenn die Sonne dir fern und verborgen scheint, so ist sie immer noch da ...“

(Lara, 2007)

 

Das könnt ihr nicht von mir verlangen   

Völlig entkräftet erreicht sie das Ufer der kleinen Insel, bleibt erschöpft im weichen Sand liegen, die Wellen umspülen ihre Beine. Wie gern möchte sie ausruhen, Atem und neue Kraft schöpfen, doch sie weiß, dass sie dann keine Chance hat. Sie muss sofort zurück, zurück ans Festland, erneut den anstrengenden Marathon auf sich nehmen. Sie braucht die Augen nicht zu öffnen, um den drohenden Schatten wahrzunehmen, der sich nähert. Mühsam erhebt sie sich und kämpft gegen die immer größer werdenden Wellen, taucht hinein ins Wasser, das ihr bis zur Brust reicht. Plötzlich spürt sie einen starken Ruck an ihrem Fuß, der wird umklammert von einer Schlinge. Sie öffnet die Augen und kann nichts sehen, ihre Umgebung ist in tiefes Schwarz getaucht. Verzweifelt versucht sie gegen das Ziehen der Schlinge anzuschwimmen. Ein Meter, zwei ... Sie kämpft sich vorwärts, nur um im nächsten Augenblick wieder von dieser ungeheuren Kraft zurückgezogen zu werden. Sie ist am Ende, öffnet den Mund zu einem Schrei. Wasser dringt in ihre Lungen, und sie wundert sich, dass sie das Schreien wahrnimmt, dass sie es hören kann unter Wasser. Etwas packt sie an der Schulter, und sie hört andere Laute, ein Rufen.

 

„Eva! Was ist los? Eva, wach auf!“ Zitternd, schweißgebadet und mit klopfendem Herzen kommt sie zu sich. Es dauert einen Moment, bis sie realisiert, dass sie in ihrem Bett liegt. Maren, ihre Mutter, sitzt auf der Bettkante und hält ihre Schulter fest umklammert.
“Sch sch ... ruhig, du hast nur geträumt“, sagt sie, lockert den Griff und beginnt Eva über den Rücken zu streicheln. Die kleine Nachttischlampe zaubert ein warmes Licht auf das Gesicht der Mutter, und das Mädchen gibt sich dem tröstenden Gefühl der Geborgenheit hin, langsam kommt ihr Atem zur Ruhe, das Herzklopfen lässt nach.

Doch nach einer kurzen Weile reißt sie sich zusammen. Mit sechzehn Jahren ist man wohl zu alt, um noch wie ein Baby in den Armen der Mutter zu liegen. Fast barsch entwindet sich Eva dem Griff, setzt sich auf, streicht die verschwitzten Haare aus dem Gesicht.

„Schon gut, Mum, ja,  es war nur ein Traum. Alles ok, du kannst wieder ins Bett gehen“, murmelt sie.

Die Mutter schaut zweifelnd, zu oft kommt es in letzter Zeit vor, dass ihre Tochter von Alpträumen geplagt wird. Sie ahnt den Grund, und wieder meldet sich ihr schlechtes Gewissen. Aber sie weiß auch, dass sie ihre Tochter lassen muss, sie nicht zum Reden zwingen kann. So streicht sie noch einmal über Evas Rücken, was diese unwillig abwehrt, und verlässt das Zimmer.

 

Eva sinkt in die Kissen zurück und versucht, nicht mehr an den Traum zu denken. Doch der Schlaf will nicht kommen. Stattdessen hat sie wieder die quälenden Gedanken im Kopf, die sie nicht wegschicken kann.

Unmerklich hat es angefangen, vor etwa drei Monaten. Ihr Vater Gérard war plötzlich abends nur noch selten zu Hause gewesen. Maren und sie nahmen die Mahlzeiten allein ein. Die Mutter hatte immer eine Erklärung parat. „Papa hat Schulkonferenz ... Es ist ein wichtiger Elternstammtisch ... Gérard geht mit den Kollegen zum Kegeln ...“ Lächerlich. Eva war kein kleines Kind mehr, dem man Märchen auftischen konnte. Sie nahm die Erklärungen stillschweigend hin, ahnte aber, dass etwas anderes dahinter steckte. Selbst ein Gymnasiallehrer konnte nicht plötzlich abends ständig irgendwelche Verpflichtungen haben. Aber sie hakte nicht nach, blieb lieber in dem ungewissen Ahnen, als dass sie die Wahrheit hören wollte. Diese war offensichtlich. Die Eltern unternahmen nichts mehr gemeinsam. War Gérard zu Hause, saßen beide nicht mehr zusammen auf dem Sofa, um fern zu schauen, sondern der Vater verzog sich in sein Arbeitszimmer. Evas Ahnen wurde zur Gewissheit, ihre kleine heile Welt begann sich aufzulösen, und sie spürte immer stärker eine unbestimmte Angst.

 

Vor sechs Wochen dann war Gérard nach Frankreich gefahren, nach Narbonne in seine Heimatstadt. Als die Eltern ihr erzählten, er wolle Mémé, die Großmutter, besuchen, weil es ihr nicht gut gehe, platzte Eva der Kragen.

„Wie lange wollt ihr mich eigentlich noch anlügen?“, schrie sie, als der Vater schon reisefertig mit gepacktem Koffer im Flur stand. „Glaubt ihr, ich merke nicht, was hier vorgeht? Ich habe alles so satt, ich habe euch satt!“ Mit diesen Worten rannte sie hinauf in ihr Zimmer, knallte die Tür zu und warf sich aufs Bett.

„Eva!“, rief ihr Vater. „Warte, lass dir erklären ...“ Doch seine Worte verloren sich im Haus, wurden ungehört von den Wänden verschluckt, und mit einer hilflosen Geste wandte er sich Maren zu. Er war abgereist und die nächsten beiden Tage verbrachten Eva und ihre Mutter in einem beinahe schweigsamen Alltag.

Am Abend des zweiten Tages begann Maren mit dem längst fälligen Gespräch.

„Eva, du weißt es sicher, hast es gespürt ... es tut mir so leid, wir haben das nicht gewollt, aber dein Vater und ich werden uns trennen.“ So einfach war das. Die glasklare Wahrheit, die sie immer schon gespürt hatte in den letzten Wochen. Eva hockte mit angezogenen Beinen auf dem Sofa und vermied es, die Mutter anzuschauen. Diese ertrug die Stille nicht, sprach hastig weiter. „Wir haben uns auseinandergelebt. Gérard möchte nach Frankreich zurück. Wir sind uns einig, niemand ist dem anderen böse, und dich betrifft es auch nicht ...“

Eva unterbrach die Worte der Mutter mit einem schrillen Gelächter. „Nee, mich betrifft das gar nicht, ich bin ja nur ein Kind, ein Anhängsel ... Ach verdammt, wie selbstgefällig ihr doch seid!“, schrie sie, und ein weiteres Gelächter schloss sich an.

„Bitte, Eva“, versuchte es Maren wieder, „wir bleiben doch beide deine Eltern, daran ändert sich nichts.“

„Aha“, meinte Eva, „und wie stellt ihr euch das vor? Papa in Frankreich, du hier ... und ich, wo bleibe ich, wenn ihr doch beide meine Eltern seid, wie du so schön bemerkst?“

Die Mutter antwortete nicht sofort, in der Stille hörte man nur das Rauschen der Bäume vor dem Fenster, die ersten Herbststürme kündigten sich bereits an, obwohl es erst September war. Irgendwo bellte ein Hund, und Luisa, die graue Kartäuserkatze, die auf dem Sofa neben Eva lag, spitzte die Ohren.

Maren brach das Schweigen als erste. „Papa und ich, wir werden uns das Sorgerecht teilen. Lange haben wir überlegt, wie ...“ Sie stockte, versuchte die Worte zu sortieren, wollte nicht, dass sie falsch ankamen bei ihrer Tochter. „Na ja, wir denken, du sollst selbst entscheiden, wo und bei wem du leben möchtest. Du bist alt genug. Auch im Falle einer Scheidung würde der Richter dich sicher fragen. Du sprichst französisch und könntest durchaus auch in Frankreich zur Schule gehen, wenn du lieber bei Papa ...“ Wieder verlor sich der Rest des Satzes im Raum. Maren schluckte, und in ihre Augen traten Tränen.

„Und jetzt stellt ihr mich vor die Wahl?“, meinte Eva trocken. „Einfach so? Ich soll wählen. Mama oder Papa, Deutschland oder Frankreich. So wie man sich ein paar Schuhe aussucht, die müssen schließlich auch passen, wenn man gut darin laufen will.“ Erneut schwieg sie, hielt den Blick gesenkt.

„Ich verstehe dich ja“, meinte Maren. „Aber du hast alle Möglichkeiten. In den Herbstferien kannst du zu Papa fahren, du musst nichts übereilen und ...“

Mitten im Satz sprang Eva auf. Mit zornesrotem Gesicht, die Hände zu Fäusten geballt, schrie sie: „Und der andere wird dann zum tollen Ferienerlebnis! Dass ich euch beide liebe, euch brauche ... ach, ihr könnt mich mal!“ Sie rannte aus dem Zimmer und ließ ihre Mutter hilflos und verzweifelt zurück. Maren schaute auf die Uhr. Es war Zeit, in die Klinik zu fahren. Seit einem halben Jahr war sie Oberärztin. Mit welcher Freude hatten sie in der Familie dieses Ereignis gefeiert, und jetzt lag alles in Scherben.

Eva liegt in ihrem Bett. Wie ein Kaleidoskop blitzen die Gedanken und Gefühle in ihrem Inneren auf und verdichten sich zu einem Grau. Seit jenem Abend kommt der Traum immer wieder und zeigt ihr deutlich ihre Zerrissenheit. In einer Woche beginnen die Herbstferien, und sie wird nach Frankreich fahren, soll eine Wahl treffen, die ihr unmöglich erscheint. Erst im Morgengrauen schläft sie ein.

 

Wieder umspülen Wellen ihre Füße. Diesmal ist es kein Traum. Seit drei Tagen ist Eva bei Gérard in Narbonne-Plage. Die anfängliche Urlaubsstimmung beginnt sich aufzulösen, und die Frage, wie sie sich entscheiden soll, drängt sich vehement in ihre Gedanken. Mit ihrem Vater hat sie bislang kein Wort darüber gesprochen. Gestern sind sie zusammen lange gelaufen, haben von ganz banalen Dingen geredet, von der Schule, Evas Freunden, von Gérards Bemühungen, hier eine Stelle am Gymnasium zu bekommen. Josi, die Labradorhündin, hat sie begleitet und sie mit ihren Kapriolen immer wieder zum Lachen gebracht. Josi hat Evas Herz im Sturm erobert und man weiß nicht, wer wem folgt, denn seit ihrer Ankunft sind beide unzertrennlich.

Heute hat Gérard keine Zeit, er muss einige Dinge in der Stadt erledigen. So tummelt sich Eva allein am Strand, nur Josi begleitet sie, tobt in den Sanddünen, apportiert Stöckchen, die das Mädchen immer wieder ins Meer werfen muss. Jetzt sind beide erschöpft, und im Entspannen kommt auch das Grübeln wieder, der Schmerz breitet sich aus und verdichtet sich zu einem dicken Knoten im Bauch. Es tut weh, aber hinter diesem Schmerz lauert die Wut, die Eva in der letzten Zeit immer mühsam zurückgedrängt hat. Sie möchte schreien, den Zorn, die Hilflosigkeit, die Angst gegen den Wind schleudern. Aber nicht einmal hier, an diesem fast menschenleeren Strand, kann sie ihren Gefühlen wirklichen Raum geben. Plötzlich fühlt sie sich ungeheuer allein.

Josi, die sich neben ihr niedergelassen hat, stupst mit ihrer feuchten Schnauze gegen Evas Hand. „Hast ja Recht, Josi“, murmelt das Mädchen. „Ich sitze hier rum, und alles wird nur noch schlimmer. Inzwischen wünsche ich fast, meine Eltern würden mir befehlen, bei wem ich in Zukunft leben soll. Wie können sie mich nur vor eine solche Wahl stellen! Komm, lass uns zu Mémé gehen!“

Entschlossen steht Eva auf und macht sich auf den Weg zu ihrer Großmutter. Mémé hat noch immer Rat gewusst, wenn etwas kompliziert gewesen ist.

Eigentlich heißt Mémé Caroline, aber jeder in der Familie nennt sie Mémé. Seit Opa Jean vor einem Jahr gestorben ist, lebt sie allein in dem kleinen Haus am Meer. Mit ihren 66 Jahren ist sie noch ungeheuer aktiv, ja beinahe sportlich. Sie reitet noch und unternimmt lange Wanderungen am Strand. Aber ihre liebste Beschäftigung ist die Arbeit in ihrem wunderschönen Garten. Während der langen Sommerferien hat Eva ihr oft geholfen. Das schönste dabei sind immer die Gespräche mit Mémé gewesen, mit ihr kann man herrlich philosophieren und träumen.

Mémé freut sich sehr, als Eva bei ihr auftaucht. „Mon petit poussin“, lacht sie.  « Magst du Tee?"  Kleines Küken … Seit das Mädchen denken kann, nennt Mémé sie so. Sie nickt und setzt sich zu ihrer Großmutter in die Küche. Sie plaudern ein wenig, während sie warten, dass das Wasser kocht. Plötzlich fängt Eva an zu weinen. „Was ist los?“, fragt Mémé erschrocken. „Hast du Kummer? Ach, was frage ich, natürlich. Du armes Mädchen. Du sollst entscheiden, wo du leben möchtest, nicht wahr?“ Sie gießt den Tee auf und setzt sich dann zu ihrer Enkelin.

„Wieso muss ich mich überhaupt entscheiden?“, fragt Eva unter Tränen. „Mémé, ich kann das nicht. Ich hab beide so lieb.“ Die Großmutter nickt. „Das weiß ich, und das wissen auch deine Eltern.  Sie wollen dich einfach nicht zwingen. Und beide haben auch dich sehr lieb.“

„Mir wäre es lieber, sie würden mich zwingen“, murmelt Eva. Und dann spricht sie über ihre Gefühle, über die Gedanken, die sie sich gemacht hat, das Abwägen, die Vor- und Nachteile, sie erzählt von ihrem Traum, der sie nicht loslässt, und während sie redet, spürt sie, dass sie alles auslotet. Mémé hört geduldig zu. Irgendwann haben sie den Tee ausgetrunken. Eva ist erschöpft, aber es hat ihr gut getan, all das einmal auszusprechen.

Schließlich meint Mémé: „Eva, mon petit poussin, ich kann dir diese Entscheidung nicht abnehmen, ich kann dir nur raten. Vielleicht lässt du alles so, wie es im Moment ist. Bleib bei deiner Mutter, da sind deine Freunde, da ist alles vertraut. Es wäre bestimmt auch schwierig, dich in diesem Land in einer neuen Schule zurechtzufinden. Und bald wird die Zeit kommen, in der du deine eigenen Wege gehst. Spür deinen Gefühlen nach. Es ist ja nichts Endgültiges, wie immer du dich jetzt auch entscheidest.“

„Aber ohne Papa ...“ Eva schluckt. „Ich kann es mir nicht vorstellen und hier ... hier ist es doch so schön, das Meer, die Sonne ...“
„Komm mit!“, sagt Mémé und geht voran in den Garten. Von hier kann man in der Ferne das Meer sehen.

„Was siehst du?“, fragt die Großmutter. Eva schaut, blickt sich um. „Nun, deinen Garten und das Meer.“
„Weiter, was noch, beschreibe mal genauer.“
„Die Straße da vorn, den Himmel, die Wolken, da hinten die anderen Häuser.“ Eva versteht nicht, was Mémé will.
„Wie sieht das Meer aus, wie der Himmel?“
Eva zögert. Dann meint sie: „Grau, das Meer ist grau, der Himmel, die Wolken, die Straße, alles grau, sogar die Häuser.“
„Genau! Siehst du, auch hier ist nicht immer Sonnenschein, kein endlos blauer Himmel. Der Alltag wird dich hier einholen, und der bedeutet nicht immer das Urlaubsgefühl, das du vielleicht erwartest. Zuhause, das ist das Vertraute, auch im Alltag.“ Beide schweigen, und Eva ist sehr nachdenklich.

Drei Tage später schreibt Eva ihrer Mutter eine SMS.
„Mama, ich komme nächste Woche zurück, und ich bleibe bei dir. Aber Weihnachten möchte ich bei Papa feiern. LG Eva

Irgendwie fühlt sich ihre Entscheidung richtig an, wenigstens im Moment.

© Enya Kummer