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...und nichts ist mehr wie es war

 

17.8.1999, morgens 5:30 Uhr, Izmit, Türkei

Die Hand ist himmelwärts gerichtet, streckt sich dem dunstigen Blau des Morgens entgegen, so als halte sie einen Kelch, den es zu füllen gilt.

Fast hätte man sie als anmutig beschreiben können, wäre die Haut nicht grau und staubüberzogen.

Er nähert sich langsam, kann den Blick nicht von dieser Hand lösen, die aus Trümmern von Stein und Holz hervorragt. Eine Fliege hat sich niedergelassen in der Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger niedergelassen.

Ein Schritt noch und er fällt auf die Knie, streckt seinen Arm aus, als wolle er die Hand, die sich emporstreckt, berühren. Doch der Arm bleibt in der Luft  hängen, er schließt langsam die Augen und eine Träne zeichnet eine Spur in sein Gesicht, als sie langsam seine schmutzige Wange hinunterläuft.

16.8.1999, abends in einem Haus in Izmit

Kenan freut sich unbändig. Morgen würde Mamas Freundin Bircan mit ihren beiden Söhnen aus Istanbul kommen. Eine Woche wollen sie bleiben.

Sie werden Spaß haben, ans Meer gehen zum Baden gehen, durch die Stadt streifen und allerlei Spannendes unternehmen. Übernächste Woche wird er mit Mama und Selin nach Deutschland fliegen. Obwohl er nun hier seit über vier Jahren gern lebt, viele Freunde und ein schönes Zuhause hat, sehnt sich Kenan manchmal zurück in das Land, in dem er geboren worden ist und bis zu seinem achten Lebensjahr gelebt hat.

Doch Can, der Vater, der in Deutschland studiert und dort auch Annika, Kenans Mutter, kennen gelernt hat, konnte keine Arbeit mehr finden. So hatte schließlich die Familie beschlossen, in die Türkei zu gehen. Can konnte zusammen mit einem Freund eine Firma gründen, die Verschalungen herstellt. Das Geschäft läuft gut, es fehlt der Familie an nichts, nur der Vater ist immer seltener zu Hause. Auch diesmal ist er in Istanbul geblieben, konnte seine Frau und die Kinder nicht begleiten. Aber er hat darauf bestanden, die kleine Familie ans Meer zu schicken. Es ist so heiß in der Stadt.

Sie sind in der Küche. Annika bereitete das Abendessen zu, schneidet Hühnerfleisch klein, Kenan deckt den Tisch. Selin, seine kleine Schwester, kommt herein und mit ihr schlüpft Asli, die graugetigerte Katze durch den Türspalt. Asli streckt sich kurz und springt elegant und leichtfüßig auf die Anrichte. Annika hat das Tier nicht bemerkt und erschrickt. Ihr rutscht das Messer ab und die scharfe Schneide erwischt zwei ihrer Finger.

„Au!“, schreit sie auf. „Mist, jetzt hab ich mich geschnitten.“ Sie hält die Hand hoch, von der schon das Blut tropft. „Kenan, rasch, hol Pflaster aus dem Verbandskasten!“

Der Junge eilt davon und bringt zwei leuchtendgelbe Pflasterstreifen, die er sorgsam um die beiden verletzten Finger der Mutter klebt.
 

16.8.1999, abends gegen 23 Uhr

Kenan kann nicht einschlafen. Seit zwei Stunden wälzt er sich in seinem Bett hin und her. Er ist aufgeregt wegen des Besuchs und wegen der Reise nach Deutschland. Immer wieder versucht er sich zu erinnern, wie es früher dort gewesen ist.

Dann denkt er an Can, seinen Vater, und er ist traurig, dass dieser so selten zu Hause ist. Nach Deutschland wird er auch nicht mitkommen können.

So hängt Kenan seinen Gedanken nach und der Schlaf will nicht kommen. Komisch, dass Asli heute nicht da ist. So lange dehnt sie ihre abendlichen Spaziergänge gewöhnlich nicht aus. Vielleicht hat sie ja einen tollen Kater gefunden, denkt der Junge und endlich übermannt ihn doch die Müdigkeit. Er schläft ein.

 

17.8.1999, nachts

Er schreckt hoch, weil sein Bett plötzlich durchs Zimmer rutscht. Verwirrt will er sich aufsetzen, doch im selben Moment kracht das Regal auf seine Schlafstatt, er spürt einen kurzen Schmerz im Fuß. Dann ist die Welt auf den Kopf gestellt.
Er versucht aus dem Bett zu klettern und landet unsanft auf dem Boden.

Das letzte, das er sieht, ist die Wand, die auf ihn zuzukommen scheint. Er verliert das Bewusstsein.
 

17.8. 1999 etwa 30 Minuten später

Mühsam öffnete Kenan die Augen und blinzelt in das Licht einer Taschenlampe.

„Hier!“, ruft eine Stimme, „schnell!“

Kenan richtet sich auf. Die Stimme gehört Bücük, der den Laden an der Ecke hat und dort Obst und Gemüse verkauft. Er streckt seine Hand aus. „Kannst du aufstehen, Kenan?“ Der Junge nickt. Er ist noch immer sehr benommen und spürt nun, während er mit Bücüks Hilfe auf die Beine kommt, dass sein Kopf schmerzt. Flüchtig streift ihn seine letzte Erinnerung ... die Wand, das Regal ...

„Meine Schwester, meine Mutter ...!“, ruft Kenan. „Wo sind sie?“

Zum ersten Mal schaut er sich um und was er im Schein von Bücüks Taschenlampe sieht, nimmt ihm den Atem. Keines der Häuser in dieser Straße ist unbeschädigt. Manche sind dem Erdboden gleich, von anderen stehen noch einige Wände. Es gibt keine Straße mehr, nur einzelne Asphaltbrocken deuten an, wo sie verlaufen ist. In dem unüberschaubar riesigen Trümmerfeld leuchten hier und da kleine Feuer.

Die Hölle, denkt Kenan, Steine, Holz, verstreute Möbelstücke ... eine einzige Zerstörung. In dem Maße, wie sich das furchtbare Grauen in sein Gehirn den Weg bahnt, nimmt er auch wieder Geräusche wahr. Er hört Schreie, Rufen, Jammern. Schattenhafte Gestalten quälen sich durch den Schutt. Ein Mann rennt vorbei, laut weinend. Er trägt ein Kind. Bücük legt Kenan den Arm um die Schulter. „Komm, wir müssen hier weg. Es kann ein Nachbeben geben und die restlichen Wände können einstürzen. Ich bring dich drüben zur Wiese. Dort haben sie angefangen Zelte aufzuschlagen.“

Der Junge lässt sich widerstandslos wegführen. Als sie die Wiese erreichen, meint Kenan, die ganze Straße habe sich hier versammelt. Eine Frau hockt auf dem Boden, hält ihr Baby im Arm und jammert in einer auf- und abschwellenden Tonfolge, die unerträglich ist. Der Junge sackt zu Boden, umklammert die Beine mit seinen Armen und legt den Kopf auf die Knie.

Langsam erreicht ihn das Schreckliche, das geschehen ist.

Die Atmosphäre ist gespenstisch. Trotz der nächtlichen Dunkelheit ist der Himmel orange-rötlich gefärbt, was auf ein großes Feuer hindeutet. In der unmittelbaren Umgebung leuchten immer wieder kleine Lichter auf, vermutlich von Taschenlampen und Kenan fragt sich, woher die Menschen diese haben. Bei der Zerstörung, wie sie vorherrscht, scheint es ihm unmöglich, dass auch nur ein Gegenstand unversehrt sei und funktionieren könne.

Bücük hat sich neben ihn gehockt.
„Ich muss Mama finden“, schluchzt Kenan, „und Selin. Sie waren im Haus, als es passiert ist. Sie müssen da irgendwo sein.“

„Es ist zu dunkel“, meinte Bücük. „Sobald Hilfe kommt mit stärkeren Lampen, werden sie suchen. Bestimmt ist deine Familie hier irgendwo.“

Filiz, eine Nachbarin, steht plötzlich vor ihnen. Ihr laufen die Tränen übers Gesicht.

„Kenan, du bist hier? Sie haben Selin gefunden. Deine Schwester lebt. Ihr Bein ist verletzt, aber sie kümmern sich um sie.“

„Wo?“, fragt Kenan.

„Sie haben sie in eines der Zelte gebracht. Mach dir keine Sorgen.“

Schon eilt sie weiter.

Obwohl es nicht kalt ist, zittert Kenan. Irgendjemand hängt ihm eine Decke um die Schultern, er registrierte es nicht. Bilder des Grauens mischen sich vor seinen Augen mit anderen, mit Bildern von der Sonne, dem Meer, von den ihm vertrauten Menschen, Vater, Selin und Mutter... „Mama...“, flüstert er. Dann sinkt er wieder in eine gnädige Dunkelheit.

 

17.8. 1999 gegen 5:30 Uhr

Kenan schreckt hoch. Als er die Augen öffnet, umfängt ihn die fahle Helligkeit des beginnenden Morgens. Er realisiert nicht die schreckliche Zerstörung, das hektische Treiben um ihn herum, die Rufe, das immer noch fortdauernde Jammern.

Mutter, denkt er. Wie an magischen Fäden gezogen, erhebt er sich, bahnt sich seinen Weg durch Schutt und Trümmer, läuft dorthin, wo ihr Haus gestanden hat. Niemand hält ihn auf.

Er irrt herum, spürt nicht, wie er sich die nackten Beine an Steinen und Holzsplittern aufreißt.

Und dann sieht er sie, die Hand, die sich dem Himmel entgegenzustrecken scheint.

Sekunden, Minuten ...

Als er auf dem Boden kniet und seinen Blick nicht lösen kann von dieser Hand, weiß er: Nichts ist mehr so, wie es gestern noch gewesen ist.

Zeige- und Ringfinger der Hand sind umwickelt mit Resten von gelbfarbenen leuchtenden Pflastern ...




 

In Gedenken an die Frau, die hier den Namen Annika trägt

und an die zahlreichen Opfer, die ihr Leben lassen mussten

 

 

Nachtrag: Bei dem Erdbeben, dessen Epizentrum etwa 100 km östlich von Istanbul lag, kamen etwa 17000 Menschen ums Leben. 45000 Menschen wurden verletzt. Es hatte eine Stärke von 7,4 auf der Richterskala. Die hohe Zahl der Toten und Verletzten liegt einmal daran, dass diese Region die höchste Bevölkerungsdichte der Türkei aufweist, zum anderen daran, dass die Gebäude nicht erdbebensicher auf schlechtem Untergrund erbaut wurden.

 

Eine sehr gute Freundin von mir lebt seit über 25 Jahren in Istanbul und ist mit einem Türken verheiratet. Sie lernte dort die Frau kennen, die in der Geschichte den Namen Annika trägt.
Nach dem Erdbeben kam meine Freundin mit ihren beiden Kindern nach Deutschland zurück. Nach einem halben Jahr entschloss sie sich jedoch, wieder zurück in die Türkei zu gehen. Es geht ihr gut dort, doch die Angst vor einem neuen Beben begleitet sie immer.


Selin hat bei dem Unglück ein Bein verloren. Sie studiert in Deutschland, ist sportlich aktiv und ist hier fest verwurzelt. Kenan ging nach dem Studium (Bauingenieurwesen) zurück in die Türkei und arbeitet in der Firma seines Vaters.
Anmerkung: Die Namen wurden geändert.