Texte, Gedanken, Aphorismen

 

 

Man gebe mir:

Ein Klavier

Die Musik von Beethoven

 

Eine schwarze Rose

Den Schlüssel zu mir selbst.

Ich werde alles besiegen.

 

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich das schrieb. Manchmal frage ich mich, ob Wünsche, Einstellungen, Gedanken die Zeit überdauern oder ob alles so flüchtig ist, dass es nur Momente währt.

Das Klavier und die Musik von Beethoven - sie gibt es noch für mich, ganz real. Die schwarze Rose ist Vergangenheit, ich ließ sie einst irgendwo am Weg zurück. Heute wünsche ich mir Frühlings- und Sommerblumen, die meinen Weg säumen. Aber ich tauche meine Gedanken ebenso gern in buntes Herbstlaub und manchmal auch in unberührtes Winterweiß.

 

 

Gefangene Worte

 

Er sitzt an seinem Schreibtisch. Das Blatt vor ihm ist leer, der Stift liegt lose in seiner Hand. Sein Blick ist scheinbar ins Nichts gewandt, wirkt leer wie das Blatt. Aber das täuscht. Längst haben seine Gedanken das Papier vor ihm gefüllt.

„Sie sind in meinen Gedanken, die Worte, die wichtig sind, die man nicht einfach nur sagt, um sie ungehört hinwegwehen zu lassen, blieben sie doch selbst dann gefangen in meinen Gedanken. Sie trachten nach Befreiung. Befreien heißt, Begegnung möglich machen, den wichtigen Worten Raum geben.
Noch halte ich sie zurück, diese Worte, lasse sie gefangen in der Sprachlosigkeit. In meinen Gedanken aber sind sie frei.
Spreche ich sie aus, diese Worte, so werden sie zu verbotenen, unerwünschten, verlorenen Worten – so scheint es. Hinausgelassen spiegeln sie das, was wir sind, werden zu Worten, die demaskieren und entkleiden, bis Wahrheit nackt vor uns steht.
Mein Gefängnis ist zu klein, um all diese Worte zu halten, sie werden die Mauern sprengen und mit ihrem ersten Fließen werden sie zu einem Strom werden. Es wiederholt sich.

Oft begann ich zu schreiben. Ich schrieb hinein in die Stille, ich schrieb an moderne Wände der Vertuschung und Verlogenheit, ich schrieb in den Raum der Zeit. – Worte wie Mahnmale. Sie wurden verkannt, verbannt, verbrannt, gelöscht.
Doch in meinen Gedanken leben sie. Immer wieder werden sie sich festsetzen, diese Worte, die niemand auf Dauer einsperren kann, die sich ihren Weg bahnen werden, um mit Narben versetzt, aber dennoch kraftvoll an ihr Ziel zu gelangen. Unaufhaltsam.
Eines Tages werden sie ankommen, diese Worte und zusammen mit anderen etwas bewegen...“

Entschlossen packt er den Stift. Er beginnt zu schreiben....

(c) Enya K. 2012

 

 

Über den Ehrgeiz

 

Ehrgeiz scheint ein sehr ambivalenter Begriff und damit auch ein sehr zweideutiger Charakterzug zu sein.

Wenn man die alten Definitionen nimmt aus der Philosophie oder Religion, dann ist Ehrgeiz meist negativ besetzt. Beispielsweise korreliert er mit dem Begriff des Neides, das heißt, zwischen beiden besteht eine Beziehung. Wenn ich neidisch bin auf Fähigkeiten und Erfolge anderer, dann kann das meinen Ehrgeiz anstacheln. Im schlimmsten Fall mutiere ich zum Streber. Hier spielt Anerkennung eine große Rolle. Ehrgeiz wird nicht eingesetzt um möglichst gute Ergebnisse für die Gemeinschaft zu erzielen, sondern dient lediglich dazu, sich aus der Masse herauszuheben und Streicheleinheiten zu bekommen.
Ehrgeiz hat schon immer einen schlechten Ruf gehabt. Er wurde als  ein geheimes Gift angesehen, das mit Heuchelei und Scheinheiligkeit versetzt sei. Ehrgeiz, der nur von eigenem Stolz getrieben werde, bringe Menschen dazu, ihren Charakter zu opfern.

Auch im Christentum wurde ein Ehrgeiz verdammt, der nur danach trachtete, sich selbst zu erhöhen. Die Bibel verurteilt diesen Ehrgeiz. So spricht der  Prophet Jeremia und es wird als Gottes Wort verstanden: »Du aber begehrst für dich Großes? Begehre es nicht!« (Jer 45,5). Im Neuen Testament wird Ehrliebe verstanden als Zuneigung oder Ehre gewinnen und zwar in Bezug auf Christus. Sie für sich selbst zu erhalten, wird negativ gesehen. So gebraucht Paulus in seinem Brief an die Korinther das Bild des Läufers und sagt, jeder solle so laufen, als würde er Sieger werden. Professor Sebastian Grätz der Evangelisch-Theologischen Fakultät Mainz sagt in diesem Zusammenhang: „Dabei geht es natürlich auch um Ehrgeiz, aber nicht für den eigenen Ruhm, sondern für den Ruhm Gottes.“ Das Siegerbild bedeute hier ein Streben nach einem erhabenen Ziel und ist als Metapher zu verstehen. Paulus besetzt Ehrgeiz also durchaus positiv. Nach ihm ist der höchste Ehrgeiz,  Gott wohlzugefallen.

Heute fragt wohl kaum mehr jemand in diesem Zusammenhang nach Ehrgeiz.
Ehrgeiz in dieser Zeit wird eher als Erfolgsstreben angesehen. Ehrgeiz fördert Wettbewerb und zeigt sich meist in einem Gegeneinander anstatt in einem Miteinander. Der Mensch befindet sich ständig in einem Wettstreit, zwischen den Geschlechtern, den Generationen, um den sozialen Status,  Stärke gegen Schwäche...Ehrgeiz ist dann ein Mittel um im Wettkampf zu bestehen.

Menschen trachten nun mal nach Erfolg und Anerkennung und zuweilen kann Ehrgeiz auch aus einem Autoritätsdenken heraus entstehen. Dann gewinnt man die Anerkennung durch das Lob anderer, kaum aus sich selbst heraus und frönt seinem Ehrgeiz, indem man tut, was andere fordern.
Als Kind ist man angewiesen auf Lob und Anerkennung von außen, auf Bestätigungen, die einen in seinem Tun vorantreiben. Daraus sollte sich dann die Fähigkeit entwickeln, diese Anerkennung auch intrinsisch zu motivieren, sich ein wenig unabhängig zu machen von dem ausschließlichen Lob von außen.
Wenn Eltern aber den Ehrgeiz ihrer Kinder zu sehr vorantreiben wollen, indem sie ständig sehr gute Leistungen verlangen (oft eine Projektion von den nicht selbst erreichten Zielen), dann kann das dazu führen, dass junge Menschen eine Art Sucht nach Erfolg entwickeln.
Es gehört natürlich dazu, dass man seine eigenen Fähigkeiten gut einschätzen kann.
Wenn ich sehr klein bin und sehr kurze Beine habe, werde ich auch bei größtem Ehrgeiz wohl nie ein begnadeter Hochspringer werden.
Es gilt, sich realistische Ziele zu setzen und innerhalb dieser auch den Ehrgeiz zu entwickeln seine Sache gut zu machen. Es gilt auch, seine Lebensziele zu erhalten und mit Selbstdisziplin etwas aus sich selbst heraus zu bemühen, aber auch seine Grenzen zu erkennen, um letztlich nicht einem krankhaften Ehrgeiz zu verfallen.

Ehrgeiz kann also auch positiv sein, kann Faulheit und Bequemlichkeit in Schranken halten, kann als positive Kraft zur eigenen Leistung wirken und die Zufriedenheit stärken.
So ist Ehrgeiz ein Motor für Leistung, die in unserer heutigen Gesellschaft gefordert wird. Jedoch ein übertriebener Ehrgeiz, der das eigene Ansehen, die eigene Leistung in den Mittelpunkt stellt, kann für gemeinschaftlich gutes Gelingen wieder hinderlich sein. Übersteigerter Ehrgeiz mag sogar in Aktivismus ausarten, das hat man ja schon erlebt.

Wenn sich Ehrgeiz nur in einem Lebensbereich manifestiert, so werden vermutlich andere Bereiche brach liegen und Schaden nehmen (etwa Familie kontra Arbeit).
Es scheint eine Gratwanderung, das richtige Maß zu finden.

Ehrgeiz sollte weiterbringen, nicht nur mich, sondern auch der Gemeinschaft förderlich sein, er sollte mich motivieren, meine Kraft so einzusetzen, dass mir mein Tun noch Freude macht, er darf auf keinen Fall andere behindern oder in ihrem Selbstwertgefühl verletzen.

 

***

 

Dein Ehrgeiz bot dir
manche Höhenflüge.
Im Aufwärtsschwung
die Hoffnung, dass immer
weiter er dich trüge.

Doch schien das ständig
Aufwärts eine Lüge,
so dass im Abwärts
sich der Zweifel rührte
und deine Ängste schürte.

Anstatt ein neues Aufwärts
aus dir selbst heraus
zu motivieren,
lässt du von falschem
Ehrgeiz dich verführen.

Den kalten Fallwind
nun im Rücken,
lässt du von deinem
Ruhmesstreben
unmerklich dich erdrücken.

 

 

Toleranzgrenze

 

Nachsicht habe ich geübt,
dich angenommen in deinem So-Sein,
das
angeblich Große gesehen,
mich nicht verloren in Kleinigkeiten,
die Leben erschweren.

Deine Bemerkungen über den Nachbarn,
der Männer bevorzugt,
unzumutbar, meintest du.

Als ich vorsichtig Aber-Worte formulierte,
hast du mich um Toleranz gebeten -
dir gegenüber.

Zu viele Ausländer in der Stadt,
die das Bild verschandeln,
unzumutbar, meintest du.

Wieder hast du mich
um Toleranz gebeten -
dir gegenüber.


Die alte Frau, die Tauben auf dem
Balkon füttert, sie hat niemanden -
unzumutbar, meintest du.

Um Toleranz hast du
mich gebeten -
dir gegenüber.

 

Ich war tolerant.
Meine Duldsamkeit
mündete in Schweigen.
Verstummte Aber-Worte leisteten
deiner Intoleranz Vorschub.

Meine Nachsicht hat ein Ende.
Nein! Ich verliere mich nicht
in Kleinigkeiten, die Leben erschweren.
Ich beginne das wahrhaft Große
zu sehen und ich nehme dich
nicht mehr an in deinem So-Sein.
Du bist unzumutbar
für mich.

Ab heute werde ich
intolerant sein -
dir gegenüber.

 

 

Einsamkeit

Sie kannte dieses Gefühl, das schon in frühester Kindheit von ihr Besitz ergriffen hatte.
Es war entstanden aus einem mehr oder weniger gezwungenen zu häufigen Alleinsein, dem Gefühl der Verlassenheit. Es gab durchaus Momente, in denen sie das Alleinsein nicht schlimm fand. Sie hatte früh gelernt, sich selbst zu beschäftigen. Aber dann folgten diese Momente, in denen die Einsamkeit nach ihr griff, sie lag schwer wie ein Stein auf ihrem Herzen. Alles, was sie bewegte, konnte sie niemandem mitteilen, Freude, Schmerz, alles musste sie hinunterschlucken und der Stein wurde schwerer und schwerer.
In solchen Momenten wurde die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen – ihrer Mutter – zuweilen unerträglich. So ist es vielleicht zu erklären, dass sie sich auch unter Menschen manchmal einsam fühlte, sich selbst fremd. Das Gefühl der einsam erlebten Sehnsucht gewann an Raum. Es machte sie krank, denn sie war nicht in der Lage, Worte für die Einsamkeit zu finden, verschloss dieses Gefühl.
Instinktiv begegnete sie der Einsamkeit, indem sie in ihrer Fantasie lebte, füllte die erdrückende Leere mit Geschichten und Gestalten, die ihr Zuwendung versprachen, die ihr zuhörten. Niemand merkte etwas davon, höchstens freute man sich an ihrem fantasievollen Spiel, bestärkte sie.
Irgendwann jedoch gelang es ihr, reale Begegnungen in ihre Fantasie einfließen zu lassen, sich zu erinnern, wirklich nachzudenken über das Leben, das sie führte und vor allem über sich selbst. Sie kam ihrem So-Sein immer näher. Gefühle der Verlassenheit und Angst überlagerte sie mit Erinnerungen, verstand es immer besser kleine Momente des realen Erlebens einfließen zu lassen in die einsamen Momente.
Sie erkannte: Einsamkeit und Alleinsein sind nicht dasselbe. Einsamkeit war allumfassend, konnte sich nicht auflösen, auch nicht, wenn Menschen da waren. Alleinsein war begrenzt, ging vorüber, man konnte gedanklich vorwegnehmen, dass es sich wieder ändern werde und das Alleinsein wurde abgelöst durch wunderbare Momente der Gemeinsamkeit mit anderen. Diese hatten Bestand und zeigten ihr, dass sie zwar ab und zu allein war (ziemlich oft), aber keineswegs einsam. „Es ist eine Sache des Sehens“, dachte sie eines Tages. Und sie sah sich – allein mit sich selbst, mit ihren Gedanken, die so frei waren in diesen Momenten. Zuweilen schien es ihr, als habe sie Flügel, die sie davontrugen, wohin immer sie es wünschte. Sie war ein quirliges, lebhaftes Kind und das Alleinsein verschaffte ihr Ruhe, Stille, die sie brauchte, um sich selber wirklich zu spüren. Sie begann sogar diese Zeiten zu genießen, unbelastet von Erwartungen und Ansprüchen. Ganz bewusst wendete sie sich der Natur zu und begann Dinge zu sehen, die sie so noch gar nicht wahrgenommen hatte, eine gerade erblühende Blume, einen glatten Stein, die Vielfalt der Gräser, kraftvolle Bäume, Schneckenhäuser mit wunderschönen Mustern. Ja, ihr Leben erschien ihr zuweilen wie ein solches Schneckenhaus, in das sie sich zurückziehen konnte, wenn sie es wünschte, wo sie sich auch allein geborgen fühlen, das sie aber auch verlassen konnte.
So wuchs sie hinaus aus dieser Einsamkeit, der Stein wurde leichter, war oft gar nicht mehr spürbar.
Sehr viel später verstand sie, warum sie immer wieder das Alleinsein suchte, brauchte.
Sie liebte die Kommunikation mit Menschen, widmete sich dem Leben, ihrer Familie, ihrem Beruf, hatte viele Interessen und die Momente des bewussten Alleinseins halfen ihr, sich selbst immer nahe zu sein, auszuloten, was gut und nicht so gut sei für sie, gaben ihr Kraft und das Gefühl, in sich selbst zu ruhen.
Es gibt sie immer noch, diese Augenblicke, in denen sie sich einsam fühlt, meist sogar unter Menschen. Es kommt plötzlich und kurz ist der Stein wieder da. Aber sie hat gelernt, ihn beizeiten wegzulegen, ihm in ihrem Inneren kein Zuhause zu geben. Sie weiß auch, dass sie nicht allein ist mit diesen Gefühlen, dass andere sie auch kennen.
Sie sieht aber auch, dass es Menschen gibt, die wirklich einsam sind, die es nicht schaffen sich zu befreien aus diesem Käfig, Menschen, die Hilfe brauchen.
Manchmal wünscht sie, sie könne mehr tun für diese Menschen, die in selbstgewählter oder erzwungener Einsamkeit leben, wünscht, sie könne sie einfach an die Hand nehmen und sagen: „Schau, du bist nicht allein“.

Aber sie ist Realistin genug um zu wissen, dass die Gesellschaft heute gerade durch Leistungsanforderungen, Hektik, Profilierungsstreben, Egozentrik der Vereinsamung vieler Menschen Raum gibt. Sie weiß, dass viele Menschen in einem Schneckenhaus leben, das sie nicht verlassen können – so wie sie damals als Kind.
Schneckenhäuser, umgeben von Steinen, Mauern gleich, selbst geschaffen oder von außen errichtet. Gerade die zunehmende Individualisierung, ein übersteigertes Freiheitsdenken können Einsamkeitsgefühle hervorrufen. Auch der ständig mögliche Austausch durch die Medien, wie das Internet, kann soziale Isolation begünstigen. Man verliert vielleicht die Fähigkeit, reale Kontakte zu knüpfen. Menschen, die sich selbst nicht annehmen können, die glauben, nicht liebenswert zu sein, suchen hier oft eine Möglichkeit der Kompensation, nicht wahrnehmend, dass sie gerade hierdurch die Fähigkeit verlieren, sich und andere angemessen wahrzunehmen.
Momentane Einsamkeitsgefühle scheinen durchaus normal, sie werden oft durch äußere Umstände begünstigt. Aber Einsamkeit hat viele Gesichter.

 

"Die Einsamkeit ist ein dichter Mantel, und doch friert das Herz darunter." (Erwin Guido Kolbenheyer).
 

 "Wir leben in einer so zeitreichen Gesellschaft, und trotzdem sterben so viele Menschen einsam. Das dürfte eigentlich nicht sein." - Franz Müntefering, Stern Nr. 1/2009 vom 23. Dezember 2008, S. 118

 

 

 


 

Barfuß am Puls der Nacht

 

Es ist eine laue Sommernacht und die Stille legt sich nach der Hitze und Geschäftigkeit des Tages fast bedrückend aufs Gemüt.
Sie kann nicht schlafen und nachdem sie sich längere Zeit unruhig im Bett hin und hergewälzt hat, beschließt sie aufzustehen.

Sie wandert durchs Haus, lauscht der Stille, horcht in sich hinein und versucht die Gründe der Schlaflosigkeit aufzuspüren, die sie nun schon seit einigen Tagen heimsucht.
Es gibt keine, außer vielleicht, dass sie die Tage allzu sehr mit hektischer Aktivität ausfüllt. Abschalten ist dann schwer möglich.
Sie bleibt vor ihrem Bücherregal stehen und lässt ihren Blick unschlüssig über die Buchrücken wandern, findet Germinal von Zola, ein Buch, das sie vor Jahren gelesen hat, aber nicht mehr richtig erinnert.

Nachdem sie einige Seiten gelesen hat, merkt sie, dass sie nichts von den Worten wirklich aufnimmt. Die innere Unruhe lässt es nicht zu, dass sie sich vertieft.

Seufzend steht sie auf, geht in die Küche und schaut durchs Fenster.

Die kleine Straße ist menschenleer, gelbliches Licht lässt Häuser und Asphalt seltsam fahl aussehen.

Kurz entschlossen zieht sie sich an, nimmt ihre Schlüssel und verlässt das Haus. Es ist inzwischen drei Uhr  und sie fühlt sich hellwach. Draußen atmet sie tief ein und obwohl die Hitze des Tages einer sanften Wärme gewichen ist, empfindet sie die Luft noch als bleiern.

Ziellos geht sie die Straße entlang, die Absätze ihrer Schuhe knallen beinahe unverschämt laut auf das Pflaster, jeder Schritt ein Klacken, das von den Häuserwänden widerhallt. Sie zieht die Schuhe aus, läuft barfuß weiter, setzt die Schritte vorsichtig, darauf bedacht, nicht in Scherben oder Unrat zu treten.

„Nachtasphalt“, denkt sie, „ich brenne Nachtasphalt in meine Sohlen.“

Seltsamerweise fühlt sie sich geerdet, verbunden mit diesem Boden, der noch die Hitze des lebendigen Lebens vom Tage ausstrahlt. Ihre Sichtweise scheint dadurch verändert, sie meint klarer zu sehen, die Konturen erhalten eine bizarre Schärfe.

Als sie an der Fußgängerunterführung ankommt, bleibt sie abrupt stehen, erschrickt. Weiter unten auf der Treppe nimmt sie zwei schattenhafte Gestalten wahr, die Köpfe mit Kapuzen bedeckt, tief heruntergezogen, so dass es unmöglich ist, die Gesichter auszumachen. Dieses Zischen...unangenehm und störend dringt es zu ihr herauf und jetzt weiß sie, was sich da abspielt. Zwei Menschen besprühen die kürzlich renovierte Wand des Treppenaufgangs mit Farbe.

Kurz macht sich Ärger in ihr breit. Bislang hat sie immer nur die Ergebnisse solcher Aktionen gesehen, manchmal sogar künstlerisch gestaltet, handwerklich oft perfekt.

Aber so etwas verschandelt das Stadtbild und es verursacht Kosten, dies immer wieder zu entfernen.
Während sie noch überlegt, ob sie sich bemerkbar machen soll, rennen die beiden Gestalten eilig davon, verschwinden im Dunkel der Nacht.

Sie geht langsam die Treppe hinunter und schaut sich an, was da gesprüht worden ist. Es geht um die Schließung des Jugendheimes, das nicht weit von hier liegt und das seit einigen Wochen leer steht. Im Ortsblättchen ist darüber berichtet worden, die Reaktionen, auch die kritischen, sind rasch verstummt gewesen.
“Ist dies die einzige Möglichkeit für die jungen Menschen, sich Gehör und Aufmerksamkeit zu schaffen?“, überlegt sie. Sicher keine gute, derart anonym und versteckt, seine Meinung kundzutun, aber was weiß sie schon davon, was diese Menschen alles unternommen haben. „Versäumnisse“, denkt sie, „ich bin genauso ignorant wie viele...“
Sie geht die Treppe auf der anderen Seite der Unterführung hoch und als sie ins Freie tritt, fällt ihr Blick auf die Einfahrt zu einem Parkhaus.
Blaue Müllsäcke, jetzt im Nachtdunkel grau scheinend, bilden einen Haufen, vor dem eine ebenso graue Gestalt kauert. Ein Mann stochert in dem Unrat und aus den Säcken quellen die Erinnerungen an ein unnützes Gestern, das vielleicht sogar einmal glanzvoll gestrahlt hat.
Als der Mann sich über die Schulter umblickt, kreuzt sich ihr Blick mit seinem und im selben Moment empfindet sie Scham. Mag sein, dass das Weggeworfene der Wohlstandsgesellschaft für ihn eine ganz andere Bedeutung hat und sie meint, seine Scham darüber zu fühlen. Das ist nicht für ihre Augen gedacht. Oder etwa doch?
Sind dies jene Momente, die im hellen Licht des Tages allzu leicht untergehen?
Doch vielleicht stört sie ihn, vielleicht empfindet er gar keine Scham und sie belegt ihre eigene Ignoranz nur mit einem Siegel, das ihr allein innewohnt.
Was sie sieht, ist ein Mann, der im Müll stochert, nicht mehr und nicht weniger.
Lautlos entfernt sie sich, geht an Häuserwänden entlang, die verhüllen, jetzt, im Dunklen der Nacht.
Plötzlich hört sie vom Ende der Straße Stimmen, laut und unangenehm wehen ihr Wortfetzen entgegen, die sie nicht versteht.
Eine Frau tastet sich torkelnd an der Häuserwand entlang, in der linken Hand hält sie ein Glas. Drei Männer folgen ihr und sie sind es, die jene Worte ausspucken, bei denen man nur vermuten kann, dass es Flüche und Beschimpfungen sind.
Sie zögert, weiß nicht, was sie machen soll. Sie verspürt keine Angst, nur ein unbestimmtes Gefühl, erneut Zeugin einer Szene zu sein, die sie nicht tangiert. Gleichzeitig aber weiß sie sehr genau, dass all dies Facetten von Leben sind, von Leben, das sich um sie herum abspielt und dem sie nun nicht den Rücken kehren kann. So geht sie weiter, bis sie die Frau erreicht hat.

„Brauchen Sie Hilfe?“

Ihre Worte erscheinen ihr selber banal. Die Frau starrt sie kurz an und wendet sich den Männern zu, stößt ihrerseits Beschimpfungen aus, welche letztlich in einem irren Lachen enden.
Erschrocken geht sie weiter und als sie sich umdreht, sieht sie, wie einer der Männer die Frau umarmt und sie sich an ihn klammert.
Was weiß man schon, wovor die Menschen fliehen, an wen oder was sie sich klammern, was sie letztlich brauchen?
Sie versucht diese Gedanken wegzuwischen, das eben Erlebte auszublenden. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen, bedächtig, ruhig. Sie hat es nicht eilig.

Als sie aus der kleinen Straße auf den Platz tritt, sieht sie ihn sofort.
Wie gewohnt am Tage hockt er vor dem Brunnen im Schneidersitz, vor sich seinen alten Hut, um den nun ein paar Tauben herumhüpfen.

Sie kennt diesen alten Barden, der tagtäglich die Menschen mit seinem Mundharmonikaspiel erfreut. Sie kennt ihn, aber weiß doch kaum etwas von ihm. Nur, dass er keinen Alkohol trinkt, immer nüchtern ist und sich über einen Becher Kaffee freut. Das hat sie erfahren, als sie sich einmal getraut hat, ihn anzusprechen.

Ob er ein Domizil hat, weiß sie auch nicht.

Nie hätte sie gedacht, dass er auch nachts hier sitzen würde, stumm, geduldig, jetzt ohne die sentimentalen Klänge, die er ansonsten seinem Instrument entlockt.

Es stimmt sie beinahe traurig, ihn nun so sitzen zu sehen.

Sie kann nicht anders und setzt sich auf die alte Steinbank gegenüber des Brunnens, spürt die Wärme des Tages an ihren Beinen und fühlt neben der Traurigkeit auf einmal eine große Ruhe.

Der Alte schaut sie an, er lächelt, nicht einmal mit dem Mund, sondern es sind seine Augen, die sie dieses Lächeln empfinden lassen.

Stumm sitzen sie sich gegenüber, aber sie empfindet es nicht als störend oder gar quälend. Manchmal gehen Menschen vorbei, allein oder auch zu zweit, ein engumschlungenes Pärchen bleibt neben dem Brunnen stehen und küsst sich intensiv, ein Junge schlängelt sich auf seinem Fahrrad durch die Pfosten, die den Platz vom Gehweg abtrennen, hinten im Korb liegt ein Stapel Zeitungen, die er vermutlich austragen wird. Auch um diese Uhrzeit steht das Leben in der Stadt nicht völlig still.

Endlich wagt sie doch die Frage, die ihr die ganze Zeit im Kopf herumgeht.

„Sitzen Sie immer in der Nacht hier?“
Nun lächelt er wirklich, schüttelt den Kopf.
“Nein, ich schlafe auch manchmal...“ Er macht eine leichte Bewegung mit der Hand,

„...hier und da...heute kann ich es nicht.“ Er hält kurz inne und fährt dann fort: „Sie auch nicht, wie es aussieht.“

Nun lächelt sie und nickt. Er spricht mit leichtem Akzent, slawisch, wie sie vermutet.
Nach einer Weile weiteren Schweigens nimmt er seine Mundharmonika und beginnt zu spielen, leise, eine sanfte Melodie, fast wehmütig.

Als die Töne verklungen sind, schaut sie zum Himmel und sieht, dass die Schwärze einem Grau gewichen ist.

Er ist ihrem Blick gefolgt mit den Augen. „Bald wird es Tag. Die Nächte sind kurz zu dieser Zeit.“
Gern würde sie ihm noch etwas sagen, bevor sie geht, aber sie hat keine Worte. Vielleicht braucht es diese auch nicht. So steht sie auf, nickt leicht und geht.
Ohne nachzudenken hat sie den Weg nach Hause eingeschlagen. Sie begegnet keinem Menschen mehr.

In die Stille des beginnenden Morgens mischen sich plötzlich neue Töne. Sie gewahrt Vogelgezwitscher, verhalten zunächst, doch mit jedem Schritt, den sie zurücklegt, scheint diese Melodie anzuschwellen, immer neue Laute bereichern dieses Konzert – ein Frage- und Antwortspiel, welches Leben verkündet.
Diese Töne verbinden sich in ihr mit dem Nachklang der Mundharmonika-Töne.
Als sie vor ihrer Haustür ankommt, zieht sie die Schuhe wieder an.
Jetzt endlich kann sie tief durchatmen.
Die Nacht hat ihr eigenes Gesicht, denkt sie. All jenes, das am Tage untergeht, verborgen bleibt, bewusst oder unbewusst, erhält andere, manchmal schärfere Konturen. Für eine Weile hat sie Anteil gehabt an diesem Puls der Nacht, der seinen eigenen Rhythmus schlägt.

©   Enya K.