Sommer im Herbst

Sommer...für mich wärmende Sonnenstrahlen, leichter Wind und das Meer.
Dieser Sommer plätscherte träge dahin nach meinem Empfinden.
Im Frühling schien er endlos vor mir zu liegen, doch dann war er allzu schnell vorbei.
Es gab kein Sommergefühl dieses Jahr, eigentlich war er wie immer...hier in der Stadt.
Und nun, als der Herbst einzieht, darf ich mir doch noch ein wenig Sommer gönnen, so, wie ich ihn brauche. Wieder bin ich hier an diesem Ort, wo die Unendlichkeit so nah scheint.
Mein erster Tag auf den Kanaren, an dem ich einige Stunden für mich allein sein will, und ich spüre ihn in mir, den Sommer.

Ich sehe das Meer. Still liegt es da wie ein blauer ausgebreiteter Teppich, vereint sich mit dem etwas dunkleren Himmel, über den zarte Schleierwolken ziehen.

Wenn ich meine Hände wie einen Bilderrahmen um die Weite spanne, wird Verschwommenes scharf, scheint zum Greifen nahe.
Doch ich weiß, es ist noch fern, das Meer. Eine gelbbraune Dünenlandschaft liegt zwischen mir und dieser unendlichen Weite.

Die Luft wird durch einen leichten Wind bewegt. Ich laufe los, meine nackten Fußsohlen prägen Vergänglichkeit in den warmen Sand. Rasch sind die Abdrücke wieder verdeckt von den darüber wirbelnden Sandkörnern. Sie setzen sich auf meine leicht gebräunte Haut, betten sich in die Schicht Sonnencreme ein, als wollten sie Spuren hinterlassen.
Ein zartes Wellenmuster durchzieht die Sandberge.

Es geht bergauf und bergab. Als ich die nächste Düne erklimme, sehe ich am Uferstreifen weiße Schaumkronen der sich überschlagenden Wellen, Farbkontraste, die der Stille etwas Lebhaftes geben.
Manchmal ist eine Düne zu hoch um sie zu erklettern, ich laufe in Schlangenlinien, versuche möglichst oben auf dem Kamm zu bleiben, was nicht immer gelingt.
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, bald ist Mittagszeit. Ich muss meine Kappe tiefer ins Gesicht ziehen, um nicht geblendet zu werden.

Wüstenwanderung, denke ich. Das Meer eine Fata Morgana. Wird es bleiben?
Hier ist der Sommer noch gegenwärtig, so, wie ich ihn mir vorstelle, oft erlebt habe.
Die Wärme ist gut auszuhalten, der leichte Wind kühlt meine Haut.

Plötzlich huscht etwas Schwarzes seitlich aus einem Grasgestrüpp. Erleichtert sehe ich: Es ist eine Katze. Was sie wohl hier sucht? Eigentlich sollte sie weiß sein, ihr schwarzes Fell passt so gar nicht hierher. Aber sie wird es nicht kümmern, sie trachtet nur danach, durch ihr Revier zu streifen. Mich kümmert mein Aussehen auch nicht und ich fühle mich - genau wie die Katze - irgendwie beheimatet.

Ich wende mich in östlicher Richtung, dort sind keine Menschen am Strand. Fast überrascht mich dies ein wenig, denn so viele sonnenhungrige Urlaubsgäste tummeln sich in dem Badeort. Aber sie suchen Unterhaltung, bevölkern die Strände dort, wo das Leben pulsiert in Form von Strandbars mit Musik und Bier und Cocktails. Sie liegen unter bunten Sonnenschirmen, die je nach Hotelzugehörigkeit verschiedene Farben haben. Weit rechts sehe ich sie wie bunte Tupfen vor dem Meeressaum.

Und dann endlich werden meine Füße von kühlem Nass umspült.
Ich entledige mich meiner Kleidung, beschwere sie mit ein paar glatten schwarzen Kieseln, dass sie nicht davon wehen und gehe ins Wasser, langsam, denn ein wenig kalt fühlt es sich im ersten Moment doch an. Weit brauche ich nicht zu laufen, bis ich schwimmen kann.
Das Wasser spült alles weg, den klebrigen Film auf meiner Haut, die Sandkörner und alte Sorgen, die ich mit mir trage. Nichts scheint mehr wichtig für diesen Moment.

Was bleibt? Ein wenig Salz auf meiner Haut und ein Gefühl von Ruhe und Wärme, die tief in mich hineinströmen. Und das, was immer in mir ist – deine Spuren, deine Gegenwart, die sich aus dem Erinnern formt.


Ich fühle mich nun dem Urlaubsrummel gewachsen, dem reichlichen Essen, dem Bummeln entlang der Strandpromenade, den Bars mit ihrer Musik, den Souvenirläden und den Drinks, die einen am Abend wieder jung werden lassen.
Auch das ist Urlaub und Sommerfühlen, ich weiß...

Morgen werde ich in die Berge fahren – unseren Spuren folgen.

(Oktober 2012)