"I Cried For You"

 
I cried for you 
When the sky cried for you 
And when you went 
I became a hopeless drifter 
But this life was not for you 
Though I learned from you, 
That beauty need only be a whisper

(from "I cried for you" - Katie Melua)

 

 

Du fehlst mir so sehr

Wir wussten es beide, damals, an jenem Abend auf La Palma.

Ich stelle mir oft die Frage, warum wir nicht geredet haben, wo wir doch sonst immer Worte hatten – tröstende Worte, heitere und leichte, ironische oder auch ganz banale, klärende, sachliche, verrückte, spielerische. Wenn einem von uns mal die Worte fehlten, der andere fand sie unter Garantie. Wir hatten Worte für das Leben, für Gefühle, für Gedanken, für die Liebe. Nur für den Tod oder das Sterben hatten wir keine – damals nicht.

Im Zimmer warfen die Möbel lange Schatten, das schwächer werdende Licht der Abendsonne tauchte den Raum in eine Atmosphäre, die beinahe geheimnisvoll anmutete. Wir saßen uns fern gegenüber, doch die Nähe war, wie so oft, fast mit Händen greifbar. Es ist nicht so, dass wir schwiegen, jedoch waren es die falschen Worte oder zumindest nicht solche von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit.

Mitten im Rekapitulieren unseres Erlebnisses vom Vormittag – ein junges Pärchen hatte eine Katze mit an den Strand gebracht und das Tier steckte im Rucksack, es fühlte sich unbehaglich und du regtest dich furchtbar auf – mitten in deinen ärgerlichen Worten tönte der Satz „Ich bin müde.“ wie ein Donnerschlag in meinen Ohren und ich hörte die Worte daraus „Ich kann nicht mehr“. Und dann nach einer kleinen Pause: „Ich möchte so viel tun, möglichst auf einmal, schade, dass man nicht in parallelen Spuren leben kann.“ Ich – habe – keine – Zeit – mehr- ich habe- keine ....wie in einer Endlosschleife hörte ich daraus nur diese Übersetzung.

Ich hielt es schließlich nicht mehr aus, nicht das schwache Licht, die Schatten im Raum, die falschen Worte, deine ferne Nähe. Wortlos verließ ich das Zimmer und ging hinaus, langsam erst, dann schneller werdend. Ich rannte, rannte, bis ich keinen Atem mehr hatte, meine Beine nicht mehr spürte.

Tagebuchaufzeichnungen

Nun sitze ich hier an unserem Strand, fast allein. Wenige Menschen, wie hingetupft auf ihren bunten Handtüchern in weitem Abstand um mich herum. Hinter mir erhebt sich die monströse Felswand, deren bizarr zerklüftete Nase in das Meer hineinragt. Hier branden die Wellen meterhoch gegen das schwarze Gestein.
Ich warte. Worauf? Dass sich alles auflöst in ein Gespinst aus Irrtümern? Gleich wird  die Sonne im Meer versinken, immer war ich begierig,  dieses Schauspiel zu erleben. Nur bin ich allein und ich weiß, ich muss mich daran gewöhnen.

 

DU fehlst mir so...

Der gelbe Ball am blassblauen Himmel wechselt nun die Farbe gleichsam im Zeitraffer – dunkler werdend, orange, rot. Und dann ist er da, der ersehnte Moment. Das Meer sprüht Funken, die vom Horizont in einer langen Bahn zum Ufer hin tanzen und sich in den Schaumkronen der Wellen verlieren. Am Horizont ein schwacher Dunststreifen in den der Feuerball hinabsinkt, um gleich darunter wieder aufzutauchen, dort, wo Himmel und Wasser sich berühren.
Mein Gesicht ist nass – von der aufspritzenden Gischt oder von Tränen, die so lange ungeweint. Die Glut versinkt allzu schnell im Meer. Ein zartes Rotgold breitet sich auf der Wasseroberfläche aus, dann wird das Meer grau wie mein Herz.

 

DU fehlst mir...

Der Wind frischt auf und mich fröstelt. Zögernd ziehe ich das weiße Hemd über, das mir so viel zu groß ist. Ich habe jetzt eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen wird ohne dich zu sein und die Angst kriecht durch jede Zelle meines Körpers. Ich bohre meine Zehen in den Sand, heftig, tief, um einen Widerstand zu spüren. Und dann schreibe ich deinen Namen in den Sand, wieder und wieder und ich spüre dich mit jeder Faser meiner Seele. Deinen Namen werden die Wellen auslöschen, du aber bist mir eingebrannt.

In diesem Moment kommt ein Lächeln so absichtslos und natürlich in mir hoch und malt sich in mein Gesicht, als sei es schon immer da gewesen. Meine Tränen sind getrocknet, die zeit zum Weinen wird noch kommen, und ich fühle mich so viel jünger als meine Jahre es erlauben, wie ein Kind, das sich nach einer starken Hand sehnt. Aber ich weiß, dass ich diesen Weg allein gehen muss.

Es ist Zeit dir zu begegnen.

Ich laufe am Strand entlang, ein letzter Blick auf das kleine Boot, gegen dessen rot-weiße Planken die heranrollenden Wellen klatschen in gleichförmigem, wiederkehrendem Rhythmus. Ich warte, bis mein Pulsschlag diesen Rhythmus aufgenommen hat.  Dann gehe ich.

 

DU fehlst

Du standest in der Tür, als ich zurückkam. schautest mich in diesem Moment nicht an, sondern dein Blick verlor sich in der ferne irgendwo hinter meinem Rücken. Ich drehte mich um, konnte aber nicht das sehen, was du sahst. Mein Panzer ist brüchig in solchen Momenten, ich bin weicher dann. Als ich dir näher kam, spürte ich mit jedem Schritt die Zärtlichkeit wachsen. Ich wusste: die Nacht wird kommen und auf Lügen verzichten.

Später saßen wir am Tisch, aßen, tranken ein wenig Wein wie gewohnt. Das Licht der Kerzen umarmte unsere Haut und es erfüllte mich mit Wärme.
„Kann man lernen, in den Schatten das Licht zu sehen?“, fragtest du plötzlich.
Worte, die ich nicht bereit war anzunehmen in diesem Moment. Ebensowenig wie meine Worte „Ich ertrage es nicht, wenn du gehst“, die ich nicht einmal in meinen Gedanken annehmen wollte und sie bis zum Abgrund trug und ungesagt hineinwarf.

Und so blieb ich stumm, sah meine Worte nur in deinen Augen.

Die Nacht war wie gewohnt und unser Schweigen war wenigstens ehrlich. Die  nächsten Tage waren erfüllt von Urlaubsroutine. Ich fand dich oft im Sand liegend, ausgebreitete Arme und in deinen Augen spiegelte sich der Himmel und ich dachte: Du nimmst es an und du siehst es - so, wie es ist. Ich konnte dir nicht folgen, zum ersten mal in all den Jahren.

Wir wussten es beide, damals an jenem  Abend. Was wir nicht wussten, dass auch in mir schon eine Krankheit versuchte, sich meiner zu bemächtigen.
Ich spüre noch deine Hand an meiner Wange und deine Worte klingen in mir nach:
„Das Leben ist eine bittersüße Sinfonie, die du aber noch für dich komponieren musst.“

Ich werde dir nicht folgen. Ich werde leben, dieses bittersüße Leben mit all seinen Facetten. Du wirst nicht verblassen, aber ich spüre, dass der stechende Dorn seine Macht verliert und dass die Erinnerung an dich mir nicht nur in meinen Träumen ein Lächeln in die Augen zaubert.

DU…

 

Drei Jahre später

Der Sommer hat sich verabschiedet, beinahe sanft, unwirklich und es scheint, als säße ich noch zwischen lichtdurchfluteten Gedanken einer Zeit, die zu schnell vergangen ist, hineindauert in die herbstliche Kühle, die graue Nebelschwaden wegwischt und in der sich Momente zu kleinen Ewigkeiten ausdehnen.
Immer wieder gibt es Augenblicke zwischen Lachen und Weinen, Sekunden, Minuten, Stunden, in denen deine Worte in meinen Alltag fließen, manchmal zäh, aber golden wie Honig, dann wieder klar und scharf mit dem Geschmack von frischgebranntem Korn.

Unser Apfelbaum, er trägt noch Früchte, und ich schäme mich nicht, jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeigehe, eine dieser bittersüßen Früchte mitzunehmen. Dann sind es die vielen „Weißt du noch?“, die mich zum Lachen bringen und ich renne wie einst, als wir uns vorstellten, der Baum würde seine Wurzeln aus der Erde ziehen und uns verfolgen. Drehe ich mich dann um, steht er fest an seinem Platz, klein aus der Entfernung. Es ist eben ein Baum, nichts weiter, aber seine Äste nicken mir zu und es ist wie ein Gruß. Unser Stein ist noch warm, wenn die Sonne scheint und ich sitze zuweilen minutenlang und schaue aufs Wasser. Äste werfen ihre Schatten und ja....ich sehe das Licht. Manchmal kleine funkelnde Punkte, manchmal ein großer Teppich, der alle Schatten verschluckt.

Ich habe meine bittersüße Lebenssinfonie komponiert. Aber es ist kein fertiges Stück, das man vom Blatt abspielen kann. Das Motiv ist erkennbar, variiert jedoch, weil ich immer neue Töne hinzufüge und andere streiche. Wenngleich ich auch ab und an in Momenten verharre, so gibt es keinen Stillstand. Meine Träume, die unsere waren, sind weniger geworden.

Das Leben streckt mir in der Tat immer wieder seine Hand hin – so wie du es mir nahegebracht hast – so dass die Wirklichkeit manchmal die Träume übertrifft. Heute höre ich viele deiner Worte noch viel klarer und deutlicher als damals und es sind nicht mehr nur Worte, die ich aufnehme als Trost. Sie geben mir Augenheimat, sind sichtbar in so vielem, das mein Leben ausmacht und in dem DU immer gegenwärtig bist, ohne mir Raum zu nehmen.

 

Ich lausch dem Wort, das in mir keimt gleich einem Samen,
es sprach zu mir, das jede Träne Heil verhieß.
So trägt das Flammenlaub leis’ lächelnd deinen Namen,
genau wie einst, als ich im Wind dich gehen ließ.

(September 2013)