Weiß das Christkind,

dass ich hier bin?

Am 24.12.1960 stand abends ein kleines Mädchen draußen im Schnee. Sie hatte ihre Hand ausgestreckt und Schneeflocken fielen sacht hernieder und schmolzen in der warmen Handfläche...

 

 

Liebe Mama

Wie get es dir?

Mir get es gut. Ich vamiss dich. Ich will liber heim.
Es ist kalt hier. Aber du must nicht traurik sein.
Weis das Chriskind das ich hier bin?

Viele grüse
deine Enya

 

Dieses Briefchen schrieb ich kurz vor Weihnachten an meine Mama, wissend, dass ich diesmal beim Fest nicht zu Hause bei ihr sein würde. Ich erinnere nicht mehr allzu viel von dieser Weihnacht, dennoch haben sich Spuren davon – Bilder, Gerüche, Gefühle – in mein Gedächtnis gegraben und tauchen immer wieder auf.

Ich war sieben Jahre alt und nach langer schwerer Krankheit und wegen einer Neurodermitis zur Erholung in ein Kinderheim ins Kleinwalsertal verschickt worden. Damals gab es keine Mutter- und Kindkuren, wie auch die Eltern nicht mit ihren Kindern im Krankenhaus aufgenommen wurden. Man maß der Trennung keine so große Bedeutung bei wie heute.
Für eine vollständige Genesung war mein Aufenthalt für drei Monate geplant, eine lange Zeit für eine Siebenjährige.
Ich war das Alleinsein gewohnt, lebte ich doch nur mit meiner Mutter zusammen, die wegen ihrer Arbeit oft lange außer Haus weilte. Schon im ersten Schuljahr war ich nach Schulschluss für mich selbst verantwortlich – eine Art Freiheit, um die mich andere Kinder beneideten, die aber Spuren hinterlassen hat, die nicht so einfach zu bewältigen waren.
Weihnachten allerdings hatte ich immer mit Mama gefeiert, auch meine Großeltern waren oft dabei und es war für mich einfach das schönste Erlebnis im Jahr. Schon die Vorweihnachtszeit bedeutete mir viel. Trotz Arbeit nahm sich meine Mutter jeden Abend Zeit für unser Adventstündchen mit Kerzen, Plätzchen, Gedichten, Geschichten oder Basteln.

Nun saß ich in diesem Kindererholungsheim, sollte vernünftig sein – etwas, das meine Kindheit begleitet hat in unterschiedlichster Ausprägung. Richtigen Advent gab es hier nicht. Man hatte im Gemeinschaftsraum einen großen Kranz aufgehängt, abends brannten auch die Kerzen und wir sangen wohl manchmal, aber mir fehlten natürlich die heimelige Atmosphäre und meine Mama.

Es roch nicht weihnachtlich, sondern nach Essen, Küche...das hat sich mir eingeprägt und ich meine diesen Geruch noch heute herbeiführen zu können.
Am meisten freute ich mich an Weihnachten immer auf den Weihnachtsbaum und ich glaubte fest, dass das Christkind ihn bringen und wunderschön schmücken würde. Nun hatte ich große Sorge, dass es dieses Jahr auch damit nichts werde.
Am Morgen des 24. Dezembers, daran erinnere ich mich noch, hätte ich so gern mein graues Röckchen und die weiße Spitzenbluse angezogen, aber ich durfte es nicht. Stattdessen steckte ich in der rauen karierten Wollhose. Ich war sehr betrübt und musste immer die Tränen herunterschlucken.
Dabei war mein Aufenthalt in dem Kinderheim nicht nur traurig, es gab auch so viele schöne Momente, die ich tief in mir drin noch erahne, der Schnee, die Berge, das Ski fahren, das ich dort lernen durfte, die Gemeinschaft mit den anderen Kindern.
Aber das Heimweh spürte ich doch immer wieder.
Meine Mutter hatte vorher mit mir darüber gesprochen und wir hatten beraten, wie ich mit dem Heimweh umgehen solle.
„Weißt du Enya“, hatte sie gesagt, „nimm eine Handvoll Schnee und wenn er dann taut, schickst du die Traurigkeit und die Tränen damit weg.“
Es mag ab und an geholfen haben – für Momente – aber so oft hätte ich lieber richtig geweint.
Am Heiligen Abend gab es doch einen Weihnachtsbaum, er stand draußen, war groß und viele Kerzen leuchteten und tauchten den Garten in ein schönes Licht. Der Schnee funkelte. Wir Kinder, es waren an Weihnachten nur noch wenige hier, versammelten uns um diesen Baum und sangen.
Es war aber nicht mein Baum und wir alle hatten mitbekommen, dass junge Männer die Kerzen montiert hatten und mein weihnachtlicher Glaube geriet mächtig ins Wanken. Das Christkind wusste eben doch nicht, wo ich war, hatte mich vergessen oder war nicht existent.
Später bekamen wir alle einen bunten Teller und ein Päckchen. Von meiner Mutter erfuhr ich viel später, dass den Eltern nur erlaubt war, ein Geschenk zu schicken, damit es keinen Neid und keine Komplikationen gab. Mama hatte mir das Buch „Die Wurzelkinder“ von Sibylle von Olfers geschickt und ich wurde nicht müde, es anzuschauen und zu lesen.
Viel mehr ist mir nicht von diesem Weihnachtsfest in Erinnerung, nur das Gefühl der Traurigkeit, der Einsamkeit, das kann ich bis heute spüren. Zum Glück folgten so viele wunderbare Weihnachtsfeste, die dieses – nicht ganz zwar – aber beinahe ungeschehen machten.

 

 

Damals am 24.12 1960 schlich sich die kleine Enya abends heimlich hinaus, streckte ihre warme Hand aus. Schneeflocken ließen sich darauf nieder und schmolzen sofort.
Jede so verschwundene Schneeflocke war für Enya ein Stück Traurigkeit, die sie versuchte wegzuschicken. An diesem Abend hätte sie wohl Stunden dort stehen müssen.