Streuner

eine vorweihnachtliche Tiergeschichte

 

Weihnachten – vor allem die Vorweihnachtszeit – war in meiner Kindheit immer etwas ganz Besonderes. Nicht alle Weihnachtsfeste konnte ich mit meiner Mutter verbringen. Mal war ich im Kinderheim, mal im Krankenhaus, dann wieder war meine Mutter in Reha, so dass ich das Fest öfter bei zwar mir bekannten, aber dennoch irgendwie fremden Menschen verbringen musste.

Dieses Jahr, ich war gerade fünfzehn geworden, schien mal wieder so ein Weihnachten zu werden, denn vier Tage vor Heiligabend erlitt Mama einen Bandscheibenvorfall, der sie wirklich bewegungsunfähig machte. Sie kam in die Klinik und nach dem Fest war schließlich eine Operation angesagt.
Ich blieb allein zu Hause, was für mich nichts Ungewohntes war, aber dennoch – wenn ich an Weihnachten dachte, kamen mir die Tränen.
Nun war ich seit fast einem Jahr mit Jan liiert,  wir gingen zusammen, so sagte man damals. Jan beruhigte mich und meinte, selbstverständlich könne ich das Fest bei ihm zu Hause verbringen. Es tröstete mich zumindest ein wenig, dennoch blieb ein beklemmendes Gefühl, wenn ich an Mama dachte.

Dann hatte Jan eine Idee. Seine Eltern besaßen am Stadtrand in einer Schrebergartenkolonie ein kleines Häuschen, was die Familie manchmal an den Wochenenden zum Entspannen nutzte. Ich war schon dort gewesen. Jan meinte, wir sollten doch die drei Tage bis zum Fest dort verbringen, es uns gemütlich machen. Es gab einen Kohleofen, einen kleinen Gaskocher und zwei Zimmer. Ob und welche Hintergedanken er dabei hatte, darüber wollte ich nicht nachgrübeln. Hauptsache raus aus der Wohnung, wo mich die Einsamkeit fast auffraß.


Doch dann kam dieser hässliche Streit. Jan meldete sich nicht am verabredeten Tag. Handy gab es noch nicht und so waren wir auf das normale Telefon angewiesen, um uns zu verständigen. Ich musste oft auf seinen Anruf warten, auch oft auf ihn selber, denn selten nur erschien er pünktlich zu Verabredungen. Aber in dieser Situation wurde mir doch mehr als komisch. Zweimal hatte ich schon versucht ihn zu erreichen, einmal antwortete nur dieses endlose tut...tut..., beim zweiten Mal sagte seine Mutter, Jan sei nicht da, sie werde ihm aber ausrichten, dass ich angerufen hatte.

Er wollte mich eigentlich um 16 Uhr daheim abholen, um dann mit mir zusammen zum Wochenendhaus zu fahren. Inzwischen war es 17 Uhr und die Dunkelheit hatte sich über das Zimmer gelegt, in dem ich verzweifelt vor dem Telefon hockte. Schließlich versuchte ich es ein drittes Mal und nun war Jan selber am Apparat.

Kurz und gut. Er war ärgerlich, dass ich ihm hinterher telefoniert hatte, vor allem, dass ich ihm Vorwürfe machte. Mir platzte der Kragen. Ich war extra früher aus der Klinik von dem Besuch meiner Mutter weggegangen um pünktlich zu sein. Scheinbar nahm Jan weder die Verabredung noch meine Person wichtig. Wir stritten, aber heftig, sehr ungut, weil von meiner Seite die Vorwürfe kamen und von seiner Seite diese spöttische Überlegenheit, die bewirkte, dass ich mich klein fühlte.

„Wenn du unbedingt willst, dann fahr doch hin, du weißt ja wo der Schlüssel liegt, ob ich komme, weiß ich noch nicht.“
Diese Worte von ihm reichten. Ich legte auf.


Ich fuhr tatsächlich zum Wochenendhaus, denn daheim hielt ich es nicht mehr aus.  Nun saß ich hier allein, grübelnd, in meinem Seelenschmerz, den ich mir auch selber zuzuschreiben hatte. Der kleine Ofen spendete wenigstens etwas Wärme, die sich langsam in dem Raum ausbreitete. Ich zündete Kerzen an und steckte die mitgebrachten Tannenzweige in einen Eimer, eine Vase hatte ich nicht gefunden. Mechanisch hängte ich noch ein paar Strohsterne in die Zweige. Gegen 20 Uhr war ich beinahe so weit, dass ich wieder gehen wollte, es hatte ja doch keinen Zweck, Jan würde nicht kommen.

Gerade als ich den Entschluss gefasst hatte, zu verschwinden, hörte ich ein seltsames Geräusch. Es kam von der Tür, die in den Garten führte. Mein Herz klopfte und eine leichte Angst kroch in mir hoch. Dennoch - wenn Gefahr lauerte, wollte ich sie wenigstens kennen. Also schlich ich zum Fenster, von dem aus ich einen guten Blick in den Garten hatte. Und da sah ich sie. Eine Katze, die etwa einen Meter vor der Tür auf den Steinfliesen lag. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit. Ich öffnete vorsichtig die Tür und hockte mich hin, um mit dem Tier auf Augenhöhe zu sein. Irgendetwas stimmte nicht, nur was, war in der Dunkelheit schwer zu erkennen. Ich lockte mit leisen Tönen und  tatsächlich erhob sich das Tier und machte einige unsichere Schritte auf die Tür zu. Die Fellfarbe war irgendwie undefinierbar in der Dämmerung, graubraun, leicht schwarz getigert. Nun sah ich auch, dass das Mäulchen blutverschmiert war und ein Riss ließ das linke Öhrchen wie eine große Wunde aussehen.

Ich erschrak und wollte einem ersten Impuls folgend die Tür wieder schließen. Natürlich tat ich das nicht und im selben Moment huschte die Katze an mir vorbei ins Zimmer. Als wisse sie genau, wo sie ist, verkroch sie sich unter dem alten Sofa.

Schnell schloss ich die Tür, denn die Kälte war erbarmungslos in den Raum gekrochen. Was nun? Ich fühlte mich völlig hilflos. Ich kannte mich einigermaßen mit Hunden aus, aber Katzen? Ich mochte diese Tiere gern, litt aber an Katzenhaarallergie, so dass ich bislang jeden engeren Kontakt mit den Samtpfoten vermieden hatte.

Ich suchte eine kleine Schüssel, füllte sie mit Wasser und stellte sie vor das Sofa, zog mich dann rasch wieder zurück. Nichts geschah. Mein Gast ließ sich nicht blicken. Schließlich schnitt ich ein Stück von der mitgebrachten Fleischwurst ab und versuchte die Katze damit zu locken. „Komm, kleiner Streuner, sicher hast du Hunger. Ich tu dir bestimmt nichts.“ Ich bemühte mich, meiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben, was gar nicht so einfach war, denn vor Aufregung zitterte ich nicht nur innerlich. So verharrte ich möglichst still in einiger Entfernung und versuchte, meinen Blick nicht aufs Sofa zu heften. Es dauerte auch nur noch ein Weilchen, da vernahm ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln. Vorsichtig, zögernd kroch die Katze unter dem Sofa hervor und schnappte sich das Stück Fleischwurst.  Sie machte auch sofort einen Rückzieher, schaute aber nun mit dem Köpfchen hervor. „Du willst noch etwas, habe ich Recht?“ Ich stand auf, um  Nachschub zu holen. Diesmal schnitt ich ein größeres Stück in kleine Häppchen und platzierte sie auf einem alten Teller, den ich in einiger Entfernung, aber gut sichtbar für das Tier auf den Boden stellte.

Tatsächlich, sie wagte es, kroch hervor und humpelte langsam zum Teller, dabei ließ sie mich nicht aus den Augen. Doch dann fraß sie, schlang in Windeseile die Wurststückchen in sich hinein. Nun sah ich auch, wie abgemagert das Tier war. Die Ohrwunde musste versorgt werden, sie sah böse aus, außerdem war das Auge beinahe zugeschwollen. Ich war ratlos. Auch wenn es mir gelungen wäre, die Katze einzufangen, hätte ich nicht gewusst, was ich tun sollte. Ich hatte keine Möglichkeit, das Tier zu transportieren, vielleicht wäre die kleine Reisetasche ausreichend gewesen, aber mit Sicherheit hätte die Katze sich gewehrt. Und wo hätte ich sie zu dieser späten Stunde hinbringen sollen? Eine Telefonzelle suchen und einen Tierarzt benachrichtigen? Meine Gedanken kreisten, ich kam zu keiner Lösung.

Inzwischen hatte Mieze aufgefressen und legte sich vor das Sofa. Ich setzte mich an die andere Ecke, zog die Beine hoch, umschloss die Knie mit den Armen und beobachtete sie. Die Kerzen waren fast herunter gebrannt. Es war unglaublich still. Noch nie hatte ich mir so sehr einen anderen Menschen herbeigesehnt wie jetzt., zumindest empfand ich es so.


Ich musste eingenickt sein, denn plötzlich schreckte ich hoch, wusste im ersten Moment nicht, wo ich mich befand. Ich fühlte mich steif und kalt war mir auch. Als ich mich bewegte, spürte ich, dass etwas neben mir lag. Die Katze, sie musste hochgesprungen sein und sich zu mir gelegt haben. Vorsichtig ließ ich meine Hand über ihren Rücken wandern, vernahm ein leichtes Schnurren, das – wie mir später klar wurde – nicht unbedingt nur Wohlbefinden bedeutete (Katzen schnurren auch bei Schmerzen, das Vibrieren beruhigt sie). Aber sie ließ es zu, dass ich sie streichelte. Langsam erhob ich mich, um Licht zu machen. Ich nahm ein Papiertaschentuch, tränkte es mit Wasser und ging wieder zum Sofa, immer gewiss, dass sie wieder weglaufen und sich verkriechen könne. Doch sie blieb liegen, ließ es zu, dass ich das Blut vom Mäulchen wischte und mir auch das Ohr anschaute. „Na, du Streuner, du hast wohl einen heftigen Kampf hinter dir“, sagte ich und es tat irgendwie gut, wie meine eigene Stimme die Stille des Raumes füllte. Später stellte ich fest, dass Streuner wohl ein passender Name war, denn bei meinem Gast handelte es sich um einen kastrierten Kater.
„Was machst du hier? Hast du kein Zuhause? Nein, so wie du aussiehst, bestimmt nicht“. Ich sprach mit Streuner und obwohl ich natürlich keine Antwort erhielt, hatte ich das Gefühl, dass er aufmerksam zuhörte und all meine Annahmen bestätigte.

Ans Nachhausegehen war nicht mehr zu denken. Ich hatte sogar Jan aus meinem Kopf verbannt. Ich war hier mit Streuner, der sich entschlossen hatte, wohl die Nacht mit mir zu verbringen.

Dass Jan vielleicht doch auf die Idee kam, bei mir zu Hause anzurufen und sich dann vielleicht sorgen würde, kam ich nicht.


Plötzlich fiel mir ein, dass der Kater sicher einmal sein „Geschäft“ machen müsse. Nach einiger Überlegung und planlosem Herumsuchen nahm ich eine flache Plastikwanne und legte sie mit Zeitungspapier aus. Aber wie sollte Streuner verstehen, welchem Zweck dies diente? Da er nach meiner Vermutung im Freien lebte, war er bestimmt keine Katzentoilette gewohnt.

Mir kam eine Idee und ich holte aus dem Garten etwas Erde, die ich über das Zeitungspapier streute.  Ob es helfen würde, wusste ich nicht.

Wir verbrachten eine ruhige Nacht, in der ich zwar immer wieder aus dem Schlaf aufschreckte, jedoch hatte sich Streuner zu meinen Füßen zusammengerollt und das beruhigte mich. Kalt war es, denn der Ofen war ausgegangen. So wickelte ich mich fest in meine Decke ein und versuchte die Kälte zu ignorieren.


Am nächsten Morgen war der Garten in dichten Nebel gehüllt. Morgen war Heiligabend. Mama würde im Krankenhaus sein, ich würde sie besuchen, so gut es ging, mit ihr Weihnachten feiern, um dann den Rest des Abends allein zu Hause zu verbringen. Zu Jan würde ich bestimmt nicht gehen. Vielleicht würde ich auch wieder hierher kommen, denn schließlich wollte Streuner bestimmt nicht allein bleiben und ihn einfach wieder hinausschicken, danach stand mir so gar nicht der Sinn.

Streuner und ich frühstückten gemeinsam. Ich hatte Tee gekocht, um mich von innen zu wärmen. Wir teilten den Rest Fleischwurst, etwas Käse hatte ich auch noch, keine geeignete Katzennahrung, aber für den Moment würde es genügen. Ich musste sowieso noch etwas einkaufen, denn zu Hause hatte ich auch nicht genug, um die Feiertage zu überstehen. Dann könnte ich für Streuner etwas mitbringen. Ich war mir gar nicht bewusst, dass dies bedeutete, ich würde hier bleiben. Eigentlich hatte ich mich schon entschieden, ohne darüber nachgedacht zu haben. Gegen Mittag – der Nebel hatte sich immer noch nicht gelichtet – machte ich mich auf den Weg, meine kleine Reisetasche unterm Arm.
Für Streuner hatte ich eine alte Decke aufs Sofa gelegt, die er auch sofort als „seine“ angenommen hatte. Er sah mir nach, als ich zur Tür ging. „Ich komme wieder“, meinte ich, „keine Sorge.“

Es war gar nicht so einfach, hier in der Gegend einen Laden zu finden, aber schließlich entdeckte ich einen kleinen Schademarkt, wo ich auch einige Dosen Katzenfutter (ich glaube, es war Whiskas) erstand. Mein Geld reichte gerade für das Nötigste. Ein tolles Weihnachtsessen würde das nicht werden.

Als ich zurückkam, lag Streuner immer noch auf seinem Platz, aber er erhob sich, als ich die Tür geschlossen hatte, sprang vom Sofa und strich mir um die Beine. Nun erst wunderte ich mich, dass ich nicht schon heftig auf seine Anwesenheit mit Niesanfällen und juckenden Hautstellen reagiert hatte. Ein wenig kitzelten meine Augen, aber das war auch alles.

Erfreut sah ich, dass Streuner wohl das improvisierte Katzenklo benutzt hatte, denn die Erde war sichtlich feucht.

„Du bist ein ganz Schlauer“, meinte ich und kraulte sein Köpfchen.

Wieder folgte ein Nachmittag mit Kerzenlicht. Es war nicht so einfach, den Ofen, den ich wieder angefeuert hatte, in Gang zu halten. Zu Hause heizten wir mit Briketts und Kohle, hier gab es nur Holz. Aber es war zumindest leidlich warm. Mit zwei dicken Pullovern und einer Decke um die Schultern konnte ich es aushalten. Streuner schien sich zusehends zu erholen, fraß auch gut und inspizierte nun neugierig sein neues Domizil.

 

Inzwischen war er auch einmal draußen gewesen, um sein Geschäft zu verrichten. Aber er war nach wenigen Minuten zurückgekommen.

Am nächsten Morgen, Heiligabend, stand mein Entschluss fest. Ich würde hier bleiben, natürlich zwischendrin Mama im Krankenhaus besuchen. Ich grübelte noch, ob ich ihr von meinem Umzug erzählen sollte. Bestimmt würde sie sich aufregen und mir zureden, dass ich nach Hause gehen solle. Man wird sehen, dachte ich. Das hat Zeit.


Streuner war auf einmal sehr verschmust, hatte jede Distanz abgelegt. Ich erzählte ihm meine traurige Geschichte, was ein wenig das Selbstmitleid hervorbrechen ließ und einige Tränen kostete, aber es brachte auch Erleichterung. So ganz allein würde ich ja dann doch nicht sein. Und Jan? Er schrumpfte in meinen Gedanken sehr zusammen gegen diesen Kater.

Irgendwann gegen Mittag dann saß Streuner vor der Tür. Ich öffnete, um ihn hinaus zu lassen, er ging ein paar Schritte, kam zurück, strich um meine Beine. “Was ist los?“, fragte ich verwundert. Er saß vor mir, hatte den Kopf gehoben und schaute mich an. Ich hockte mich hin und streichelte sein Köpfchen und mir schien, als schmiegte er sich in meine Hand. Dann stand er auf und ging, noch etwas vorsichtig, aber das Humpeln war deutlich zurückgegangen. Am Ende des Gartenweges blieb er stehen, schaute zurück und ich weiß nicht, warum, in diesem Moment wusste ich, dass er sich verabschiedet hatte. Rasch verschwand er zwischen den Büschen. Ich wartete bis zum Nachmittag, lief immer wieder zum Fenster, doch Streuner tauchte nicht mehr auf.

So etwas wie Traurigkeit breitete sich in meinem Inneren aus. Warum war er so plötzlich gegangen? Eigentlich kannte ich die Antwort. Er hatte Hilfe gesucht und sie wohl bis zu einem gewissen Grad auch gefunden. Jetzt drängte es ihn wieder in die Freiheit.


Mir wurde etwas klar. Ich konnte nicht hier bleiben. Streuner war im richtigen Moment verschwunden, so dass ich es noch rechtzeitig zurückschaffen würde, ich packte meine wenigen Sachen, schloss die Hütte ab und machte mich auf den Weg.

Als ich nach dem Besuch bei meiner Mutter abends vor Jans Tür stand und klingelte, klopfte mein Herz doch ziemlich stark. Als er dann vor mir stand, war ich erleichtert.  „Enya!“, sagte er, „komm rein.“


Meine Wut war verraucht, hatte sich aufgelöst. Es wurde ein netter Abend im Kreise von Jans Familie, dennoch fühlte ich mich traurig, besonders, wenn ich an Mama dachte, die jetzt mit Schmerzen im Krankenhaus lag. Ein wenig packte mich auch die Sehnsucht nach Streuner. Was ich aber vor allem empfand, war Dankbarkeit. Der Kater war zur rechten Zeit aufgetaucht, hatte mich abgelenkt von meinen trüben Gedanken und er war ebenso zur rechten Zeit wieder gegangen, hatte mir, ohne es zu wissen gezeigt, wo ich an diesem Abend hingehörte. Obwohl ich noch oft in dem Wochenendhaus war, Streuner sah ich nie wieder. Aber ich denke noch heute an ihn und hoffe sehr, dass er ein gutes, freies Leben hatte.